Im letzten Beitrag haben wir uns angesehen, was die Bibel über Gottes Verhältnis zu Leid, Krankheit und Tod sagt. Dabei wurde deutlich: Die Bibel beschreibt Gott weder als hilflosen Zuschauer noch als moralisch bösen Verursacher allen Leides.
Sie unterscheidet vielmehr zwischen Gottes souveräner Herrschaft, seinem unmittelbaren Handeln, seiner Zulassung, der Verantwortung menschlicher oder satanischer Täter und der persönlichen Schuld eines leidenden Menschen.
Doch damit stellt sich eine noch grundlegendere Frage:
Wenn Gott die Welt geschaffen hat, sie erhält und jedes Geschehen verhindern könnte – ist er dann nicht letztlich doch für alles verantwortlich?
Diese Überlegung trifft einen wichtigen Punkt. Die Bibel versucht Gott nicht dadurch zu entlasten, dass sie ihn vollständig aus der Kausalkette entfernt. Sie sagt nicht: „Gott konnte nichts dafür. Die Geschichte ist ihm entglitten.“
Stattdessen bekennt sie gleichzeitig zwei Wahrheiten:
Gott regiert umfassend über seine Schöpfung.
Und Gott ist moralisch vollkommen, gerecht und ohne Bosheit.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, ob Gott in irgendeinem Sinn verantwortlich ist, sondern welche Art von Verantwortung gemeint ist.
Warum die strafrechtliche Analogie nur begrenzt funktioniert
Wenn Menschen vor Gericht über Verantwortung urteilen, werden typischerweise mehrere Fragen gestellt:
War das Verhalten eines Menschen ursächlich für einen Schaden?
War der Schaden ihm rechtlich zurechenbar?
Hätte er anders handeln müssen?
War sein Verhalten rechtswidrig?
Und trifft ihn persönliche Schuld?
Dieses Schema kann helfen, bestimmte Unterschiede zu verstehen. Auf Gott lässt es sich jedoch nicht unverändert übertragen.
Das menschliche Strafrecht setzt voraus, dass der Handelnde innerhalb einer bestehenden Rechtsordnung lebt. Er ist an Gesetze gebunden, die nicht aus ihm selbst hervorgehen. Ein Richter beurteilt ihn nach Normen, die über ihm stehen.
Biblisch ist Gott jedoch kein besonders mächtiger Akteur innerhalb einer noch höheren moralischen Ordnung. Er ist Schöpfer, Gesetzgeber und Richter.
Im Buch Hiob heißt es:
„Wer hat ihm seinen Weg vorgeschrieben, und wer könnte sagen: Du hast Unrecht getan?“
Hiob 36,23
Diese Aussage darf allerdings nicht missverstanden werden.
Sie bedeutet nicht: Gott ist stärker als alle anderen und darf deshalb willkürlich tun, was er möchte.
Eine solche Vorstellung würde Gottes Gerechtigkeit lediglich auf seine Macht reduzieren. Dann wäre etwas nur deshalb gut, weil der Mächtigste es tut.
So argumentiert die Bibel nicht.
Sie begründet Gottes Gerechtigkeit mit seinem eigenen unveränderlichen Wesen:
- Gott ist gerecht und ohne Falsch.
- Gott kann nicht lügen.
- Gott kann nicht zum Bösen versucht werden.
- Gott versucht niemanden zur Sünde.
- Gott ist Licht, und keine Finsternis ist in ihm.
- Gott kann sich selbst nicht verleugnen.
Gott steht nicht unter einem moralischen Gesetz, das unabhängig von ihm über ihm existiert. Doch er handelt auch niemals im Widerspruch zu seinem eigenen heiligen, gerechten und treuen Wesen.
Gott ist ursächlich nicht unbeteiligt
In einem umfassenden Sinn lässt sich durchaus sagen:
Ohne Gottes Entscheidung zur Schöpfung gäbe es weder Menschen noch Engel, weder Geschichte noch Freiheit, weder Sünde noch Krankheit und Leid.
Die Bibel behauptet nicht, Gott habe eine bereits bestehende Welt vorgefunden, für deren Bedingungen er nichts könne. Er hat die Welt gewollt und geschaffen.
Auch nach dem Sündenfall erhält er sie weiterhin.
In Apostelgeschichte 17,28 heißt es:
„Denn in ihm leben und weben und sind wir.“
Nach Hebräer 1,3 trägt Christus alle Dinge durch das Wort seiner Macht.
Gott hätte grundsätzlich auch anders handeln können.
Er hätte nicht schaffen müssen.
Er hätte die Menschheitsgeschichte früher beenden können.
Er hätte einzelne Handlungen verhindern können.
Er hätte Satan unmittelbar nach dessen Rebellion vernichten können.
Er hätte den Baum der Erkenntnis nicht zugänglich machen müssen.
Er hätte die gefallene Welt nicht über Generationen fortbestehen lassen müssen.
In diesem weiten, metaphysischen Sinn trägt Gott Verantwortung für die Existenz und Fortdauer der geschaffenen Ordnung.
Die Bibel versucht nicht, diese Verantwortung abzustreiten.
Sie erklärt nicht: „Gott hat mit der Welt nur am Anfang etwas zu tun gehabt und schaut nun aus der Ferne zu.“
Vielmehr bekennt sie Gott als Schöpfer, Erhalter, Richter und Erlöser der Geschichte.
Souveräne Verantwortung ist nicht dasselbe wie moralische Schuld
Hier liegt eine der wichtigsten Unterscheidungen.
Gott ist nach biblischem Verständnis souverän für die Geschichte verantwortlich. Daraus folgt jedoch nicht, dass er moralisch schuldhaft handelt.
Das Kreuz Jesu ist dafür das deutlichste Beispiel.
In Apostelgeschichte 2,23 erklärt Petrus, dass Jesus nach Gottes festgesetztem Ratschluss und seiner Vorkenntnis hingegeben wurde. Gleichzeitig bezeichnet er diejenigen, die Jesus kreuzigten, als schuldige Täter.
Noch deutlicher wird es in Apostelgeschichte 4,27–28. Dort heißt es, dass Herodes, Pontius Pilatus, die Nationen und Israel gegen Jesus zusammenkamen, um das zu tun, was Gottes Hand und Ratschluss vorherbestimmt hatten.
Damit werden mehrere Aussagen gleichzeitig gemacht:
- Gott hatte das Ereignis beschlossen.
- Menschen führten es aus freien und schuldhaften Motiven aus.
- Gott verfolgte einen heiligen Rettungszweck.
- Die menschlichen Täter handelten aus Angst, Hass, Feigheit, Neid und Machtstreben.
- Dasselbe Ereignis stand unter Gottes Plan und unter menschlicher Verantwortung.
Die Bibel sagt deshalb nicht: „Gott hatte mit der Kreuzigung nichts zu tun.“
Sie sagt aber ebenso wenig: „Gott war ein Mörder im gleichen moralischen Sinn wie die Menschen, die Jesus aus ungerechten Motiven töteten.“
Für die moralische Bewertung zählt nicht nur, dass ein bestimmtes Ereignis geschieht.
Entscheidend sind auch:
- die Stellung des Handelnden,
- seine Befugnis,
- sein Motiv,
- seine Absicht,
- sein Ziel,
- seine Beziehung zu dem Betroffenen.
Das äußerlich gleiche Ereignis kann daher auf verschiedenen Handlungsebenen eine völlig unterschiedliche moralische Bedeutung besitzen.
Dasselbe Ereignis – verschiedene Absichten
Ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist die Geschichte Josefs.
Seine Brüder verkaufen ihn aus Neid und Feindseligkeit nach Ägypten. Sie wollen ihn loswerden, ihm schaden und seine Träume zunichtemachen.
Viele Jahre später sagt Josef zu ihnen:
„Ihr hattet Böses gegen mich beabsichtigt; Gott aber hatte beabsichtigt, es zum Guten zu wenden.“
- Mose 50,20
Josef sagt nicht lediglich, Gott habe nachträglich aus einem misslungenen Ereignis etwas Gutes gemacht.
Er verwendet für die Absicht der Brüder und für Gottes Absicht dasselbe Geschehen.
Die Brüder beabsichtigten:
- Josef zu beseitigen,
- ihm Leid zuzufügen,
- ihre eigene Stellung zu sichern,
- ihre Schuld zu verbergen.
Gott beabsichtigte:
- Josef nach Ägypten zu bringen,
- ihn auf eine verantwortungsvolle Stellung vorzubereiten,
- viele Menschen während der Hungersnot zu retten,
- die Geschichte seines Bundesvolkes weiterzuführen.
Die Brüder handelten böse.
Gott verfolgte durch dasselbe Ereignis einen guten und rettenden Zweck.
Das moralisch Böse bestand nicht einfach darin, dass ein schmerzhaftes Ereignis geschah. Es bestand in der ungerechten, feindseligen Absicht und Handlung der Brüder.
Gott konnte das Ereignis in seinen guten Plan einordnen, ohne ihre Bosheit zu teilen.
Verschiedene Formen göttlicher Beteiligung
Die Bibel verwendet nicht für jedes Leiden dieselbe Erklärung. Sie kennt mehrere Formen göttlicher Beteiligung, die sorgfältig unterschieden werden müssen.
Unmittelbares Handeln Gottes
In manchen Fällen sagt die Bibel ausdrücklich, dass Gott Krankheit, Plage, Blindheit oder Tod bewirkt.
Dazu gehören beispielsweise:
- die ägyptischen Plagen,
- Mirjams Aussatz,
- die Plagen gegen die Philister,
- der Tod Herodes Agrippas,
- die vorübergehende Blindheit des Elymas,
- Krankheit und Tod einiger Christen in Korinth.
In solchen Texten wäre es zu schwach, lediglich von passiver Zulassung zu sprechen.
Die Autoren wollen sagen: Gott richtet.
Handeln durch geschaffene Mittel
In anderen Fällen handelt Gott durch Mittel oder Werkzeuge.
Dazu gehören:
- Engel,
- Völker,
- politische Herrscher,
- Naturvorgänge,
- Krankheiten,
- Armeen,
- Menschen mit eigenen Absichten.
In Jesaja 10 bezeichnet Gott Assyrien als die Rute seines Zorns. Assyrien dient als Gerichtswerkzeug gegen Israel.
Doch der assyrische König versteht sich nicht als gehorsamer Diener Gottes. Er handelt aus Hochmut, Eroberungslust und Grausamkeit.
Deshalb richtet Gott später auch Assyrien.
Das bedeutet:
Gott kann einen bösen Akteur für seine Ziele gebrauchen, ohne dessen Bosheit zu billigen oder ihn von Verantwortung freizusprechen.
Begrenzte Zulassung
Das Buch Hiob zeigt eine weitere Form.
Satan ist der unmittelbare Angreifer. Er nimmt Hiob seinen Besitz, seine Kinder und schließlich seine Gesundheit.
Doch Satan kann nicht unabhängig handeln.
Gott setzt ihm Grenzen:
„Siehe, alles, was er hat, ist in deiner Hand; nur nach ihm selbst strecke deine Hand nicht aus.“
Hiob 1,12
Später heißt es:
„Siehe, er ist in deiner Hand; nur schone sein Leben.“
Hiob 2,6
Satan handelt.
Gott erlaubt, begrenzt und ordnet das Handeln in einen größeren Zusammenhang ein.
Diese Zulassung ist keine Hilflosigkeit. Sie ist souverän, zielgerichtet und begrenzt.
Preisgabe an selbstgewählte Wege
Eine weitere biblische Kategorie ist die Preisgabe.
In Römer 1 heißt es mehrfach:
„Darum hat Gott sie dahingegeben.“
Menschen lehnen Gott ab und wählen ihre eigene Richtung. Gottes Gericht besteht teilweise darin, dass er sie den Folgen dieser Entscheidung überlässt.
Gott muss dabei nicht fortlaufend neue Bosheit in ihnen erzeugen.
Er zieht seine bewahrende Begrenzung zurück und lässt sie den eingeschlagenen Weg weitergehen.
Auch ein solches „Dahingeben“ ist eine Form göttlichen Gerichts.
Zucht und Erziehung
Nicht jedes schmerzhafte Handeln Gottes ist Vergeltungsstrafe.
Hebräer 12 beschreibt Gottes Zucht als Handeln eines liebenden Vaters.
Diese Zucht ist zunächst schmerzhaft. Ihr Ziel ist jedoch nicht Vernichtung, sondern Reifung, Heiligung und die „friedvolle Frucht der Gerechtigkeit“.
Leiden kann deshalb innerhalb der Beziehung zu Gott unterschiedliche Funktionen haben:
- Korrektur,
- Erziehung,
- Bewahrung,
- Demut,
- geistliche Reifung,
- Abhängigkeit von Gottes Gnade.
Das bedeutet nicht, dass wir jedes Leiden eines anderen Menschen als göttliche Zucht deuten dürften. Doch die Bibel schließt eine solche Funktion grundsätzlich nicht aus.
Heilsgeschichtliche Bestimmung
Manches Leiden gehört ausdrücklich zu einem besonderen Auftrag.
Das gilt vor allem für das Kreuz Jesu.
Es gilt aber auch für Paulus. Bei seiner Berufung sagt Christus, er werde Paulus zeigen, wie viel er um seines Namens willen leiden müsse.
Paulus’ Leiden war deshalb nicht bloß eine unerwartete Folge menschlicher Feindseligkeit. Es gehörte zu seinem apostolischen Auftrag.
Auch die Fesseln in Jerusalem wurden durch den Heiligen Geist angekündigt.
Die Ketten legten Menschen an.
Doch der Weg, auf dem Paulus diese Ketten tragen würde, stand unter Gottes Führung.
Was erklärt der Sündenfall?
Der Sündenfall entlastet Gott nicht in dem Sinn, dass er plötzlich nichts mehr mit der Welt zu tun hätte.
Gott bleibt Schöpfer und Erhalter.
Dennoch erklärt der Sündenfall, woher die moralische Unordnung der Welt stammt.
Die Bibel erzählt:
- Gott schuf die Welt gut.
- Der Mensch erhielt ein wirkliches Gebot.
- Der Mensch übertrat dieses Gebot.
- Durch die Sünde kamen Verurteilung und Tod.
- Die Schöpfung wurde der Vergänglichkeit unterworfen.
- Gott begann innerhalb dieser gefallenen Welt seinen Erlösungsplan zu entfalten.
- Am Ende wird Leid nicht ewig fortbestehen, sondern überwunden werden.
Der Sündenfall bedeutet deshalb nicht:
„Gott hat jetzt keinerlei Verbindung mehr zu Krankheit und Tod.“
Er bedeutet vielmehr:
Die moralische Entstellung der Welt entstand nicht, weil Gott etwas Böses erschaffen hätte. Sie entstand durch die Abwendung geschaffener Wesen von ihrem guten Schöpfer.
Gott schuf Wesen, die tatsächlich handeln konnten.
Die böse Qualität ihrer Rebellion stammt jedoch nicht aus Gottes heiligem Wesen, sondern aus dem Willen der Geschöpfe, sich gegen ihn zu stellen.
Reicht der freie Wille als Erklärung?
Viele christliche Erklärungen konzentrieren sich fast ausschließlich auf den freien Willen.
Das Argument lautet dann:
Gott wollte freie Menschen. Wirkliche Freiheit beinhaltet die Möglichkeit, sich für das Böse zu entscheiden. Leid ist daher der Preis menschlicher Freiheit.
Diese Überlegung erfasst einen Teil der biblischen Wahrheit. Sie erklärt jedoch nicht alles.
Viele Formen des Leides entstehen nicht unmittelbar aus einer aktuellen freien Entscheidung:
- angeborene Erkrankungen,
- genetische Schäden,
- Naturkatastrophen,
- Säuglingstod,
- körperlicher Verfall,
- Krankheiten im Alter,
- Leiden von Tieren.
Die umfassendere biblische Kategorie ist deshalb nicht lediglich der freie Wille, sondern die gefallene und der Vergänglichkeit unterworfene Schöpfung.
Hinzu kommt: Die Bibel zeigt, dass Gott menschliche Entscheidungen lenken, begrenzen oder in seine Absichten einordnen kann, ohne selbst zum Sünder zu werden.
Das Herz eines Königs wird in Sprüche 21,1 mit einem Wasserbach in Gottes Hand verglichen.
Josefs Brüder handelten böse und erfüllten dennoch Gottes Rettungsplan.
Assyrien war Gottes Werkzeug und wurde dennoch für seinen Hochmut verurteilt.
Die Kreuziger Jesu erfüllten Gottes Ratschluss und blieben dennoch schuldig.
Die Bibel löst die Spannung also nicht einfach mit dem Satz auf: „Der Mensch war völlig unabhängig, deshalb hatte Gott nichts damit zu tun.“
Gott schuf Satan – ist er deshalb für dessen Bosheit verantwortlich?
Auch diese Frage lässt sich nicht mit einer oberflächlichen Antwort erledigen.
Kausal ist die Überlegung nachvollziehbar:
Hätte Gott Satan nicht geschaffen, gäbe es auch Satans Taten nicht.
Doch biblisch muss hinzugefügt werden:
Gott erschuf Satan nicht als moralisch böses Wesen.
Satan ist ein geschaffenes Wesen, das sich gegen Gott erhoben hat. Die Bibel liefert keine einzige vollständige, systematische Erzählung seines Falls. Sie setzt jedoch voraus, dass geschaffene Engel von Gott abfielen.
Wichtig sind dabei mehrere Aussagen:
- Satan ist ein Geschöpf.
- Er ist vollständig von Gott abhängig.
- Er ist kein gleichmächtiger Gegengott.
- Gott kann ihn begrenzen.
- Gott kann sein Handeln in einen größeren Plan einordnen.
- Satan handelt dennoch aus eigenem bösen Willen.
- Er wird für dieses Handeln gerichtet.
Dass Gott Satan für eine begrenzte Zeit weiterexistieren und handeln lässt, ist tatsächlich eine Entscheidung Gottes.
Die Bibel offenbart jedoch nicht jede verborgene Begründung dieser Entscheidung.
Sie zeigt aber deutlich: Diese Zulassung ist zeitlich begrenzt. Am Ende wird Satan endgültig gerichtet.
Hätte Gott eine andere Welt schaffen können?
Grundsätzlich lautet die Antwort: Ja.
Gott war nicht gezwungen, genau diese Welt oder überhaupt eine Welt zu erschaffen.
Die Bibel entwickelt jedoch keine vollständige philosophische Theorie darüber, warum diese Welt die einzig mögliche oder die bestmögliche Welt sein musste.
Stattdessen setzt sie an manchen Stellen eine Grenze menschlicher Beurteilung.
In Römer 9 behandelt Paulus den Einwand:
Wenn niemand Gottes Willen widerstehen kann, warum macht Gott Menschen dann noch verantwortlich?
Paulus antwortet nicht mit einer vollständigen philosophischen Auflösung. Zunächst erinnert er an den Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf.
Auch im Buch Hiob erhält Hiob keine vollständige Erklärung für sein Leiden.
Gott zeigt ihm vielmehr, wie begrenzt seine menschliche Perspektive ist. Hiob kennt weder die gesamte Ordnung der Schöpfung noch die unsichtbaren Zusammenhänge seines eigenen Lebens.
Paulus schreibt in Römer 11:
„Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unausspürbar seine Wege!“
Das bedeutet nicht, dass Fragen verboten wären.
Die Psalmen fragen.
Hiob klagt.
Jeremia ringt mit Gott.
Habakuk widerspricht und wartet auf Antwort.
Biblischer Glaube verlangt keine sprachlose Ergebung.
Doch die Bibel behauptet, dass der Mensch nicht über genügend Wissen verfügt, um Gottes gesamte Weltregierung abschließend beurteilen zu können.
„Niemand kann Gott bestrafen“ ist keine ausreichende Antwort
Manchmal wird gesagt:
„Wir können Gott ohnehin nicht zur Verantwortung ziehen.“
Dieser Satz kann auf zwei sehr unterschiedliche Arten verstanden werden.
Problematisch wäre folgende Vorstellung:
Gott wäre nach objektiven moralischen Maßstäben eigentlich schuldig. Weil er jedoch allmächtig ist, kann ihn niemand verurteilen oder bestrafen.
Das wäre nichts anderes als „Macht macht Recht“.
Eine solche Erklärung verteidigt Gottes Gerechtigkeit nicht. Sie würde lediglich seine Macht betonen.
Biblisch lautet die Aussage anders:
Gottes Handeln kann für Menschen schmerzhaft, erschreckend und unverständlich erscheinen. Dennoch handelt er nicht moralisch schuldhaft, weil sein Handeln aus vollkommener Erkenntnis, Heiligkeit, Gerechtigkeit und Treue hervorgeht.
Menschen dürfen Gott deshalb durchaus klagend fragen:
- Warum?
- Wie lange noch?
- Warum verbirgst du dich?
- Warum lässt du das geschehen?
- Warum greifst du nicht ein?
Solche Fragen finden sich in der Bibel selbst.
Doch die biblische Klage führt letztlich nicht zu dem Urteil, Gott habe moralisch böse gehandelt. Sie führt zum Vertrauen, auch wenn eine vollständige Erklärung ausbleibt.
Gott bleibt dem Leid nicht fern
Die stärkste christliche Antwort auf die Frage nach Gottes Verantwortung ist letztlich nicht nur philosophisch.
Sie liegt in Jesus Christus.
Gott betrachtet das Leid der Welt nicht aus sicherer Entfernung.
In Christus tritt er selbst in die gefallene Schöpfung ein.
Jesus erlebt:
- Hunger,
- Erschöpfung,
- Ablehnung,
- Verrat,
- Angst,
- Einsamkeit,
- körperliche Gewalt,
- Folter,
- Verlassenheit,
- Tod.
Das Kreuz ist gleichzeitig Gottes Heilsplan und ein menschliches Verbrechen.
Gott rettet nicht, indem er andere die gesamten Kosten tragen lässt. In Christus trägt er selbst das Gericht, den Schmerz und die Folgen der Sünde.
Deshalb lautet die christliche Antwort nicht:
„Leid ist eigentlich gar nicht so schlimm.“
Sie lautet:
Gott selbst ist in das Leid eingetreten und hat begonnen, es von innen heraus zu überwinden.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass Tod und Leid nicht das letzte Wort behalten.
Eine möglichst präzise Schlussfolgerung
Kann man also sagen: „Gott ist für Leid verantwortlich“?
Der Satz ist nicht zwingend falsch. Er ist jedoch zu mehrdeutig und kann sehr Unterschiedliches bedeuten.
Biblisch lässt sich sagen:
Gott trägt die souveräne Verantwortung dafür, dass die Welt existiert, dass sie nach dem Sündenfall weiterbesteht und dass menschliche Bosheit, Satan, Krankheit und Tod für eine begrenzte Zeit innerhalb seiner Vorsehung handeln können.
Manche Leiden bewirkt Gott ausdrücklich selbst.
Andere führt er durch geschaffene Mittel herbei.
Wieder andere erlaubt, begrenzt oder ordnet er.
In diesem umfassenden Sinn steht nichts außerhalb seiner Herrschaft und Verantwortung.
Ebenso muss jedoch gesagt werden:
Gott ist nicht der moralisch schuldige Urheber der Sünde.
Die Bosheit der Sünde stammt nicht aus seinem Charakter, sondern aus der Abwendung geschaffener Wesen. Menschen und Satan handeln aus ihren eigenen bösen Motiven und bleiben dafür verantwortlich.
Gott kann dasselbe Ereignis mit einer gerechten, rettenden oder erzieherischen Absicht bestimmen, ohne die böse Absicht der geschöpflichen Täter zu teilen.
Und schließlich gilt weiterhin, was wir bereits im letzten Beitrag gesehen haben:
Dass Krankheit, Tod und Vergänglichkeit allgemein mit dem Sündenfall verbunden sind, bedeutet nicht, dass ein einzelner kranker oder leidender Mensch seine konkrete Not durch eine bestimmte persönliche Sünde verursacht hat.
Die Bibel verbietet diesen vorschnellen Rückschluss.
Die präziseste Formulierung wäre daher:
Gott ist der souveräne Urheber, Erhalter, Richter und Erlöser der Geschichte. Nichts geschieht außerhalb seiner Herrschaft. Dennoch ist er nicht der moralisch schuldige Urheber der Sünde.