Die Bibel zeigt deutlich, dass das Kreuz kein nachträglicher Notfall war. Das Leiden und Sterben Christi gehörten zu Gottes Heilsratschluss. Petrus spricht vom „festgesetzten Ratschluss Gottes“ (Apostelgeschichte 2,23), die Gemeinde bekennt, dass die Ereignisse um das Kreuz „vorherbestimmt“ waren (Apostelgeschichte 4,27–28), und Petrus schreibt, dass Christus als das Opferlamm bereits „vor Grundlegung der Welt“ zuvor erkannt war (1. Petrus 1,19–20). Das Kreuz war also nicht Gottes zweite Wahl, sondern Teil seines ewigen Heilsratschlusses.
Das Kreuz zeigt uns weit mehr als den Sühnetod zur Vergebung unserer Sünden. Es offenbart uns das Herz Gottes. In ihm beseitigt Gott nicht nur die Trennung durch die Sünde, sondern zeigt zugleich in unvergleichlicher Weise, wer er ist: vollkommen heilig, vollkommen gerecht und vollkommen liebend. Das Kreuz ist die tiefste Offenbarung des Wesens Gottes und damit zugleich der Maßstab für das Leben seiner Kinder. Wer erkennt, wie Gott liebt, versteht auch, wie christliche Nachfolge aussehen soll. Es ist das ultimative Zeichen der Liebe.
Wer über das Kreuz nachdenkt, stellt früher oder später eine tiefgehende Frage: Wenn Gott allmächtig und vollkommen ist, warum musste sein eigener Sohn überhaupt sterben? Hätte es keinen anderen Weg geben können?
Die Bibel beantwortet diese Frage nicht vollständig. Sie erklärt uns nicht alle Gedanken Gottes. Sie zeigt jedoch eindeutig, dass das Kreuz keine Notlösung war.
Beim Lesen des Neuen Testaments fällt auf, dass das Kreuz häufig fast ausschließlich unter einem Gesichtspunkt betrachtet wird: Jesus starb für unsere Sünden. Das ist wahr und unverzichtbar. Paulus fasst das Evangelium mit den Worten zusammen:
„Christus ist für unsere Sünden gestorben.“ (1. Korinther 15,3)
Ebenso spricht Jesus davon, sein Leben als Lösegeld für viele zu geben, und Petrus schreibt, dass Christus unsere Sünden an seinem Leib auf das Holz getragen hat.
Doch das Neue Testament eröffnet noch eine zweite, ebenso tiefgehende Perspektive.
Das Kreuz bewirkt nicht nur Erlösung.
Es offenbart Gott.
Johannes schreibt:
„Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat.“
Und wenig später:
„Hierin ist die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühnung für unsere Sünden.“ (1. Johannes 4,9–10)
Beides gehört untrennbar zusammen.
Die Sühnung ist keine bloße juristische Handlung. Gerade in ihr wird Gottes Liebe sichtbar.
Paulus formuliert denselben Gedanken:
„Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.“ (Römer 5,8)
Das Kreuz nimmt also nicht nur die Schuld weg.
Es zeigt, wer Gott ist.
Hier liegt vielleicht eine Wahrheit, die im christlichen Leben leicht in den Hintergrund tritt.
Wir danken Christus oft dafür, dass wir Vergebung empfangen haben. Das ist gut und richtig. Doch dabei kann der Blick unmerklich wieder bei uns selbst stehen bleiben: Ich bin gerettet. Meine Schuld ist vergeben.
Die Schrift lädt uns jedoch zu einem weiteren Blick ein.
Am Kreuz sehen wir das Wesen Gottes selbst.
Wir sehen einen Gott, der bereit ist, alles zu geben, um Menschen zu retten und in Gemeinschaft mit sich zu bringen. Die ganze Heilsgeschichte zielt auf diese Gemeinschaft. Immer wieder begegnet im Alten Testament dieselbe Bundesformel:
„Ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.“
Auch Jesus greift diesen Gedanken auf. In Johannes 17 bittet er, dass die Liebe, mit der der Vater den Sohn liebt, auch in den Gläubigen sei. Das Ziel Gottes ist nicht nur Freispruch, sondern Gemeinschaft – eine Gemeinschaft, die von seiner Liebe geprägt wird.
Gerade deshalb bleibt das Kreuz nicht bei der Erlösung stehen.
Es ruft zur Nachfolge.
Johannes zieht diese Schlussfolgerung ausdrücklich:
„Daran haben wir die Liebe erkannt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat; auch wir sind schuldig, für die Brüder das Leben hinzugeben.“ (1. Johannes 3,16)
Das ist bemerkenswert.
Johannes sagt nicht nur: Christus starb für euch.
Er sagt: Daran erkennt ihr, was Liebe ist. Nun soll dieselbe Liebe euer Leben prägen.
Auch Paulus verbindet beides. Nachdem er im Römerbrief die Rechtfertigung entfaltet hat, fragt er unmittelbar:
„Sollen wir in der Sünde verharren, damit die Gnade zunehme? Das sei ferne!“
Und in Philipper 2 fordert er:
„Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war.“
Er beschreibt anschließend die Erniedrigung und den Gehorsam Christi bis zum Tod am Kreuz.
Das Kreuz ist also zugleich Erlösungstat und Offenbarungstat.
Es zeigt Gottes Heiligkeit.
Es zeigt Gottes Gerechtigkeit.
Es zeigt Gottes Liebe.
Und es zeigt den Weg, auf dem seine Kinder ihm nachfolgen sollen.
Vielleicht liegt genau darin eine der tiefsten Aussagen des Neuen Testaments: Gott rettet den Menschen nicht nur, um ihn vor dem Gericht zu bewahren. Er rettet ihn, um ihn in seine Gemeinschaft hineinzunehmen und ihn seinem Sohn ähnlich zu machen.
Deshalb ist das Kreuz nicht nur der Ort, an dem unsere Schuld getragen wurde.
Es ist der Ort, an dem Gott sein Herz offenbart.
Wer das Kreuz betrachtet, erkennt nicht nur, was Gott für ihn getan hat.
Er erkennt, wer Gott ist.
Und genau diese Erkenntnis führt schließlich zur Nachfolge. Denn wer die Liebe Gottes wirklich erkennt, wird nicht dabei stehen bleiben, sie dankbar anzunehmen. Er wird sich danach sehnen, dass dieselbe Liebe auch sein eigenes Leben prägt.
Vielleicht ist genau das der tiefste Sinn des Kreuzes: Gott wollte den Menschen nicht nur erlösen, sondern sich selbst offenbaren. Deshalb ist das Kreuz nicht nur das größte Werk der Erlösung, sondern zugleich die tiefste Offenbarung des Wesens Gottes. Dort sehen wir, wie Gott wirklich ist. Und gerade deshalb wird das Kreuz zum Maßstab christlicher Nachfolge.
Zum Nachdenken: Danken wir Christus nur dafür, dass er unsere Schuld getragen hat – oder staunen wir auch darüber, dass Gott uns im Kreuz sein eigenes Wesen offenbart hat, damit wir ihn erkennen, lieben und ihm nachfolgen?
Das Kreuz ist nicht nur die Grundlage unserer Rechtfertigung, sondern zugleich die höchste Selbstoffenbarung Gottes und damit der Ausgangspunkt echter Nachfolge. Diese drei Linien – Sühne, Offenbarung und Nachfolge – gehören nach dem Zeugnis des Neuen Testaments untrennbar zusammen.