Das Gleichnis vom Sämann (Matthäus 13) – Das Herz des Menschen und das Wirken des Wortes Gottes

Das Gleichnis vom Sämann ist das erste Gleichnis in Matthäus 13 und bildet den Schlüssel zum Verständnis aller folgenden Gleichnisse. In Markus 4 fragt Jesus seine Jünger sogar:

„Versteht ihr dieses Gleichnis nicht? Und wie wollt ihr dann alle Gleichnisse verstehen?“

Es geht also nicht nur um Landwirtschaft. Es geht um die Frage, warum Menschen auf dieselbe Botschaft Gottes so unterschiedlich reagieren.

Der Zusammenhang

Gerade zuvor hat Matthäus berichtet, wie die religiösen Führer Jesus trotz seiner Wunder ablehnen. Sie sehen seine Werke, hören seine Worte und erkennen dennoch nicht, wer vor ihnen steht.

Darauf beginnt Jesus in Gleichnissen zu reden. Die Jünger fragen:

„Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen?“

Jesus antwortet:

„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen; jenen aber ist es nicht gegeben.“

Und dann zitiert er Jesaja 6:

„Mit den Ohren werdet ihr hören und nicht verstehen; sehend werdet ihr sehen und nicht wahrnehmen.“

Damit wird deutlich: Das Gleichnis erklärt nicht zuerst den Samen. Es erklärt den Menschen.

Der Sämann

Jesus sagt:

„Siehe, der Sämann ging aus zu säen.“

Bemerkenswert ist, dass Jesus den Sämann zunächst gar nicht erklärt. Erst später sagt er:

„Der Same ist das Wort vom Reich.“

Der Sämann selbst tritt fast in den Hintergrund.

Entscheidend ist vielmehr, dass überall derselbe Same ausgestreut wird.

Das Evangelium verändert sich also nicht.

Nicht die Botschaft ist unterschiedlich.

Die Herzen der Menschen sind unterschiedlich.

Der Same

Der Same ist nach Jesu eigener Erklärung:

„das Wort vom Reich.“

Das griechische Wort lautet:

ὁ λόγος τῆς βασιλείας

ho logos tēs basileias

Also:

das Wort des Reiches Gottes.

Es geht um die Botschaft, dass Gottes Königsherrschaft in Christus angebrochen ist.

Der Weg

Der erste Boden ist der Weg.

Der Same bleibt an der Oberfläche liegen.

Jesus erklärt:

„Wenn jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse und raubt das, was in sein Herz gesät worden ist.“

Hier verwendet Jesus wieder das Verb:

συνίημι (syniēmi)

Dieses Wort bedeutet mehr als bloßes Verstehen.

Es beschreibt das innere Erfassen der Zusammenhänge.

Der Mensch hört.

Aber die Botschaft dringt nicht ins Herz.

Der Weg ist hart geworden.

Schon im Alten Testament begegnet genau dieses Bild.

Jeremia sagt:

„Pflügt euch einen Neubruch und sät nicht unter die Dornen.“

Das Problem liegt nicht am Samen.

Der Boden muss aufgebrochen werden.

Auch Hesekiel kündigt an:

„Ich werde das steinerne Herz wegnehmen und euch ein Herz aus Fleisch geben.“

Schon die Propheten zeigen also:

Das eigentliche Problem des Menschen ist sein Herz.

Der felsige Boden

Hier geht der Same schnell auf.

Jesus sagt:

„Er nimmt das Wort sogleich mit Freuden auf.“

Doch sobald Verfolgung kommt,

fällt er ab.

Das griechische Wort für „Anstoß nehmen“ lautet:

σκανδαλίζεται (skandalizetai)

Davon stammt unser Wort „Skandal“.

Eigentlich bedeutet es:

zu Fall gebracht werden.

Der Glaube hatte keine Wurzeln.

Er war von der Begeisterung getragen,

nicht von einer tiefen Verbindung mit Christus.

Auch das passt hervorragend zum Matthäusevangelium.

Immer wieder folgen Menschen Jesus,

solange sie Wunder erleben.

Sobald Nachfolge etwas kostet,

ziehen sich viele zurück.

Die Dornen

Hier wächst der Same zunächst.

Doch dann geschieht etwas anderes.

Jesus nennt zwei Ursachen:

  • die Sorgen dieser Welt
  • den Betrug des Reichtums

Das griechische Wort für Betrug lautet:

ἀπάτη (apatē)

Täuschung.

Der Reichtum verspricht Sicherheit,

kann sie aber letztlich nicht geben.

Hier erinnert Jesus unmittelbar an die Bergpredigt.

Dort hatte er bereits gesagt:

„Sorgt euch nicht.“

Und:

„Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“

Die Dornen sind also keine groben Sünden.

Es sind Dinge,

die das Herz langsam überwuchern.

Der gute Boden

Schließlich gibt es den guten Boden.

Jesus erklärt:

„Dieser ist es, der das Wort hört und versteht.“

Wieder steht:

συνίημι

Nun wird der Zusammenhang erkannt.

Das Wort dringt ins Herz.

Es verändert den Menschen.

Die Folge lautet:

Frucht.

Nicht alle bringen dieselbe Frucht.

Jesus nennt:

  • hundertfach,
  • sechzigfach,
  • dreißigfach.

Interessant ist:

Nicht die Menge entscheidet.

Alle bringen Frucht.

Gerade das verbindet Matthäus 13 mit der Bergpredigt.

Dort hatte Jesus gesagt:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Nicht jeder trägt gleich viel Frucht.

Aber echter Glaube bleibt niemals fruchtlos.

Die Bezüge zum Alten Testament

Das Bild des Säens begegnet im Alten Testament häufig.

Jesaja 55

Dort vergleicht Gott sein Wort mit Regen.

„Wie Regen und Schnee vom Himmel fallen … so wird mein Wort sein.“

Das Wort Gottes wirkt.

Es kehrt nicht leer zurück.

Jesus greift diesen Gedanken auf.

Der Same besitzt Leben in sich.

Jeremia 4

Jeremia fordert:

„Pflügt euch einen Neubruch.“

Hier erscheint erstmals das Bild,

dass das Herz vorbereitet werden muss.

Hosea 10

Auch Hosea ruft:

„Pflügt einen Neubruch.“

Das Volk soll umkehren,

damit Gottes Wort Frucht bringen kann.

Hesekiel 36

Gott verheißt:

„Ich werde euch ein neues Herz geben.“

Damit beantwortet Hesekiel letztlich die Frage des Gleichnisses.

Warum bringen manche Frucht?

Weil Gott das Herz verändert.

Die Verbindung zu Matthäus 12

Nun wird verständlich,

warum dieses Gleichnis unmittelbar auf Matthäus 12 folgt.

Die Pharisäer hörten dieselben Worte wie die Jünger.

Sie sahen dieselben Wunder.

Warum glaubten sie dennoch nicht?

Matthäus 13 beantwortet diese Frage.

Nicht der Same ist unterschiedlich.

Nicht der Sämann.

Sondern das Herz.

Deshalb hatte Jesus bereits in Matthäus 12 gesagt:

„Aus der Fülle des Herzens redet der Mund.“

Nun erklärt er,

warum manche Herzen Gottes Wort aufnehmen

und andere verschlossen bleiben.

Die zentrale Botschaft

Das Gleichnis richtet den Blick nicht zuerst auf verschiedene Arten von Evangelisation.

Es richtet den Blick auf den Hörer.

Jeder Mensch muss sich fragen:

Welcher Boden bin ich?

Das Evangelium besitzt dieselbe Kraft.

Der Unterschied liegt nicht in Gottes Wort,

sondern darin,

ob das Herz bereit ist,

sich von Gott aufbrechen,

verändern

und Frucht bringen zu lassen.

Gerade deshalb eröffnet dieses Gleichnis die Reihe der Gleichnisse vom Reich Gottes. Denn der Eintritt in das Reich beginnt nicht mit äußerer Zugehörigkeit, sondern damit, dass Gottes Wort in einem geöffneten Herzen aufgenommen wird und Frucht hervorbringt.

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