Matthäus 12 gehört zu den Schlüsselkapiteln des Matthäusevangeliums. Einerseits verschärft sich hier der Gegensatz zwischen Jesus und den religiösen Führern Israels. Andererseits zeigt das Kapitel in besonderer Weise, wie Jesus das Alte Testament auslegt und auf sich selbst bezieht. Fast jeder Abschnitt enthält einen Rückgriff auf das Alte Testament. Dadurch wird deutlich: Jesus handelt nicht losgelöst von den alttestamentlichen Schriften, sondern erfüllt sie.
David – der verworfene König
Zu Beginn des Kapitels verteidigt Jesus seine Jünger gegen den Vorwurf, sie hätten den Sabbat gebrochen, weil sie Ähren ausgerauft hatten. Als erstes verweist er auf David (1. Samuel 21).
David war der von Gott gesalbte König, befand sich aber noch in der Zeit seiner Verwerfung. Auf der Flucht vor Saul erhielt er von dem Priester Ahimelech die Schaubrote, obwohl diese nach dem Gesetz den Priestern vorbehalten waren.
Jesus macht damit deutlich, dass schon das Alte Testament zeigt, dass Gottes Absicht nicht in einem starren Festhalten an äußeren Vorschriften besteht. Das Wohl des Menschen und Gottes heilsgeschichtliches Handeln stehen über einem rein formalen Gesetzesverständnis.
Zugleich wird David zu einem Vorausbild des Messias. Wie David ist auch Jesus der von Gott eingesetzte König, der jedoch zunächst verworfen wird.
Die Priester – mehr als der Tempel
Anschließend erinnert Jesus daran, dass die Priester selbst am Sabbat im Tempel Dienst verrichten und dadurch äußerlich betrachtet den Sabbat „entheiligen“, ohne schuldig zu werden.
Darauf folgt die bemerkenswerte Aussage:
„Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel.“
Der Tempel war der Ort der Gegenwart Gottes unter seinem Volk. Wenn Jesus erklärt, dass hier etwas Größeres als der Tempel ist, macht er deutlich, dass Gottes Gegenwart nun in seiner eigenen Person gegenwärtig ist.
Diese Linie wird später besonders im Hebräerbrief entfaltet. Dort wird Christus als der wahre Hohepriester, als das vollkommene Opfer und als der Mittler des Neuen Bundes beschrieben. Matthäus zeigt dieselbe Wahrheit bereits erzählerisch.
Hosea – Gottes Herz ist Barmherzigkeit
Zum zweiten Mal im Matthäusevangelium zitiert Jesus Hosea 6,6:
„Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.“
Damit erinnert er daran, dass Gott schon im Alten Testament nicht in erster Linie äußere Opfer verlangte, sondern ein Herz, das ihm gehört.
Die Propheten kritisierten immer wieder einen Gottesdienst, der äußerlich korrekt war, dem aber Liebe, Treue und Barmherzigkeit fehlten.
Jesus zeigt damit, dass die Pharisäer zwar das Gesetz kannten, seinen eigentlichen Sinn jedoch verfehlten.
Jesaja – der verheißene Gottesknecht
Nach der Heilung der verdorrten Hand zitiert Matthäus ausführlich Jesaja 42.
Dort wird der verheißene Knecht Gottes beschrieben:
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“
Jesus erscheint nicht als politischer Befreier oder als gewaltsamer Herrscher, sondern als der demütige Knecht Gottes, der sich der Schwachen annimmt und Gottes Heilsplan in Sanftmut ausführt.
Auch hierin erfüllt sich das Alte Testament.
Jona und Salomo
Im weiteren Verlauf verweist Jesus auf zwei weitere bedeutende Gestalten des Alten Testaments.
Von Jona sagt er:
„Mehr als Jona ist hier.“
Jona war der Prophet, durch dessen Predigt die Stadt Ninive zur Buße kam. Jesus macht deutlich, dass seine eigene Person weit über Jona hinausgeht.
Ebenso erklärt er:
„Mehr als Salomo ist hier.“
Salomo galt als Inbegriff göttlicher Weisheit. In Christus begegnet den Menschen jedoch nicht nur ein weiser Lehrer, sondern die Weisheit Gottes selbst.
Die Erfüllung der alttestamentlichen Ämter
Matthäus 12 zeigt eindrucksvoll, dass Jesus die großen Linien des Alten Testaments in seiner Person zusammenführt.
- Wie David ist er der verheißene König.
- Er ist größer als der Tempel und erfüllt den priesterlichen Dienst.
- Er offenbart wie Hosea das Herz Gottes.
- Er ist der verheißene Gottesknecht aus Jesaja.
- Er ist größer als der Prophet Jona.
- Er ist größer als der weise König Salomo.
Damit begegnen uns in Christus die alttestamentlichen Ämter des Königs, des Priesters und des Propheten in ihrer vollkommenen Erfüllung.
Der Übergang zu Matthäus 13
Gerade deshalb bildet Matthäus 12 einen entscheidenden Wendepunkt im Evangelium.
Die religiösen Führer verwerfen den Messias trotz seiner Worte und Werke. Sie erkennen die Zeichen, ziehen daraus aber nicht die richtigen Schlussfolgerungen. Ihr Problem ist nicht mangelnde Information, sondern mangelndes geistliches Verständnis.
Vor diesem Hintergrund beginnt Jesus in Matthäus 13 in Gleichnissen zu reden. Er erklärt den Jüngern:
„Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen; jenen aber ist es nicht gegeben.“
Die Gleichnisse sind deshalb nicht lediglich anschauliche Beispiele. Sie offenbaren den Glaubenden die Geheimnisse des Reiches Gottes und bleiben zugleich denen verborgen, deren Herzen sich dem Wirken Gottes verschließen.
So bildet Matthäus 12 den Abschluss des bisherigen Wirkens Jesu in Israel und zugleich die Vorbereitung auf den neuen Abschnitt des Evangeliums, in dem Jesus die verborgene Gestalt des Reiches der Himmel offenbart. Gerade dadurch zeigt sich erneut die große Linie des Matthäusevangeliums: Das Alte Testament weist auf Christus hin, und in ihm finden die Verheißungen Gottes ihre Erfüllung.