Wenn man die großen Glaubensgestalten der Bibel betrachtet, entsteht manchmal der Eindruck, als seien sie geistliche Helden gewesen, die ohne Zögern Gottes Willen erfüllt hätten. Doch die Bibel zeichnet ein erstaunlich anderes Bild. Sie verschweigt weder Schwächen noch Ängste noch Versagen. Gerade darin liegt ihre Glaubwürdigkeit.
Denn die entscheidende Frage der Nachfolge lautet nicht, ob Menschen vollkommen sind. Die entscheidende Frage lautet, wie sie auf Gottes Ruf reagieren.
Betrachtet man Mose, Jona, Petrus und Hananias nebeneinander, erkennt man ein bemerkenswertes Muster. Alle erhalten einen Auftrag von Gott. Alle stehen vor einer Herausforderung. Alle müssen entscheiden, ob sie Gottes Wort mehr vertrauen als ihren eigenen Gedanken, Ängsten oder Sicherheiten.
Dabei lassen sich ihre Reaktionen in fünf Schlagworten zusammenfassen:
Ausreden. Flucht. Wagnis. Gehorsam. Vertrauen.
Diese fünf Begriffe beschreiben zugleich typische Stationen, die auch heute im Leben vieler Christen auftreten.
Mose steht am brennenden Dornbusch und hört Gottes Berufung:
„Und nun geh hin, denn ich will dich zum Pharao senden.“
(2. Mose 3,10)
Doch Mose reagiert nicht mit Begeisterung. Er sieht zunächst seine Grenzen. Er fragt:
„Wer bin ich?“
(2. Mose 3,11)
Später erklärt er, er könne nicht gut reden. Schließlich bittet er Gott sogar, jemand anderen zu senden.
Mose steht für die Ausreden des Glaubens.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Unglauben.
Sondern weil er auf seine eigenen Fähigkeiten schaut.
Wie oft geschieht genau das auch heute? Gott öffnet eine Tür, legt eine Aufgabe aufs Herz oder ruft zu einem Schritt des Vertrauens – und sofort beginnen die inneren Einwände:
- Ich kann das nicht.
- Ich bin nicht geeignet.
- Andere können das besser.
- Das ist nicht meine Aufgabe.
Mose zeigt uns, wie schnell der Blick auf die eigene Schwäche den Blick auf Gottes Kraft verdrängen kann.
Noch deutlicher wird der Widerstand bei Jona.
Zu ihm sagt Gott:
„Mache dich auf, gehe nach Ninive.“
(Jona 1,2)
Doch Jona läuft in die entgegengesetzte Richtung.
Er braucht keine weiteren Informationen.
Er kennt Gottes Willen.
Er will ihn nur nicht tun.
Jona steht für die Flucht vor dem Glauben.
Manchmal fehlt uns nicht Erkenntnis.
Manchmal fehlt uns Gehorsam.
Manchmal wissen wir längst, was richtig wäre, und suchen dennoch Wege, uns dem Ruf Gottes zu entziehen.
Ganz anders reagiert Petrus auf dem See.
Als Jesus auf dem Wasser erscheint, sagt Petrus:
„Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, auf den Wassern zu dir zu kommen.“
(Matthäus 14,28)
Jesus antwortet mit einem einzigen Wort:
„Komm!“
(Matthäus 14,29)
Und dann geschieht etwas Erstaunliches:
„Petrus stieg aus dem Schiff.“
(Matthäus 14,29)
Dieser Satz ist vielleicht wichtiger als das eigentliche Wunder.
Denn Petrus tut etwas, das die anderen nicht tun.
Er verlässt das Boot.
Er verlässt die Sicherheit.
Er verlässt das Vertraute.
Natürlich beginnt er später zu sinken.
Doch Jesus tadelt nicht seinen Schritt auf das Wasser.
Jesus fragt:
„Kleingläubiger, warum zweifeltest du?“
(Matthäus 14,31)
Petrus steht für das Wagnis des Glaubens.
Er zeigt, dass Nachfolge nicht bedeutet, keine Angst zu haben. Nachfolge bedeutet, dem Wort Christi mehr zu vertrauen als den sichtbaren Umständen.
In Apostelgeschichte 9 begegnen wir Hananias.
Der Herr sendet ihn zu Saulus, dem Christenverfolger.
Hananias hat allen Grund zur Sorge.
Er weiß, wer Saulus ist.
Er kennt dessen Vergangenheit.
Dennoch sagt Gott:
„Gehe hin; denn dieser ist mir ein auserwähltes Gefäß.“
(Apostelgeschichte 9,15)
Darauf folgt ein schlichter Satz:
„Da ging Hananias hin.“
(Apostelgeschichte 9,17)
Hananias steht für den Gehorsam des Glaubens.
Er hat Angst.
Aber seine Angst bestimmt nicht sein Handeln.
Er gehorcht.
Und gerade dadurch wird er Teil eines der größten Wendepunkte der Kirchengeschichte.
Schließlich begegnen wir Petrus ein zweites Mal – diesmal in Apostelgeschichte 10.
Der Geist Gottes sagt:
„Gehe mit ihnen, ohne irgend zu zweifeln.“
(Apostelgeschichte 10,20)
Petrus versteht zunächst nicht, was Gott vorhat.
Er kennt den Plan nicht.
Er kennt das Ziel nicht.
Er kennt nur den nächsten Schritt.
Und dennoch geht er.
Erst später erkennt er die Bedeutung dessen, was geschieht:
„In Wahrheit begreife ich, dass Gott die Person nicht ansieht.“
(Apostelgeschichte 10,34)
Hier begegnet uns die Reife des Glaubens.
Petrus muss nicht mehr alles verstehen, bevor er handelt.
Er vertraut.
Das Verständnis folgt dem Gehorsam.
Wenn man diese fünf Geschichten nebeneinanderlegt, erkennt man ein gemeinsames Muster.
Gott spricht zuerst.
Zu Mose:
„Geh.“
Zu Jona:
„Geh.“
Zu Petrus:
„Komm.“
Zu Hananias:
„Steh auf und gehe.“
Zu Petrus bei Kornelius:
„Gehe mit ihnen.“
Immer beginnt alles mit Gottes Wort.
Gleichzeitig verschwinden die Schwierigkeiten nie.
Pharao bleibt mächtig.
Ninive bleibt gefährlich.
Der Sturm bleibt ein Sturm.
Saulus bleibt zunächst ein Christenverfolger.
Die Heiden bleiben Heiden.
Auch kennt niemand den ganzen Plan.
Und dennoch handeln sie.
Die Bibel zeigt immer wieder dieselbe Reihenfolge:
Nicht Wunder und dann Vertrauen.
Sondern Vertrauen und dann Gottes Handeln.
Petrus erlebt die Tragfähigkeit des Wassers nicht vom Boot aus.
Hananias erlebt die Veränderung des Paulus nicht zu Hause.
Petrus erlebt Gottes Wirken unter den Heiden nicht in Joppe.
Die Kraft Gottes wird auf dem Weg des Gehorsams sichtbar.
Darum schreibt Paulus:
„Denn wir wandeln durch Glauben, nicht durch Schauen.“
(2. Korinther 5,7)
Jona sah Ninive.
Mose sah Pharao.
Petrus sah die Wellen.
Hananias sah Saulus.
Petrus sah die Heiden.
Aber Gott sah etwas Größeres.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Was sehe ich?
Sondern:
Wem glaube ich?
Glaube bedeutet nicht, dass ich den ganzen Weg kenne. Glaube bedeutet, dass ich den nächsten Schritt gehe.
Gottes Kraft wird selten denen sichtbar, die im Boot sitzen bleiben. Sie wird denen sichtbar, die auf sein Wort hin aufbrechen.
Nachfolge beginnt nicht dort, wo alle Fragen beantwortet sind. Nachfolge beginnt dort, wo Christus sagt:
„Komm.“
Und wir gehen.