Bergpredigt und Ölbergrede

Das ist eine sehr gute Frage, weil die Bergpredigt (Matthäus 5–7) und die Ölbergrede (Matthäus 24–25) oft getrennt gelesen werden, obwohl Matthäus sie bewusst miteinander verbindet.

Man könnte sogar sagen:

  • Die Bergpredigt beschreibt, wie ein Jünger lebt.
  • Die Ölbergrede beschreibt, wie ein Jünger wartet.

Oder anders:

  • Matthäus 5–7 beantwortet die Frage: Wie sieht das Leben im Reich Gottes aus?
  • Matthäus 24–25 beantwortet die Frage: Wie lebt man bis zur Vollendung des Reiches Gottes?

Die gleiche Grundfrage

In der Bergpredigt geht es ständig um das Herz:

  • Wem vertraust du?
  • Wo ist dein Schatz?
  • Suchst du Gottes Reich?
  • Lebst du aus Vergeltung oder aus Liebe?
  • Geht es um Gott oder um Selbstdarstellung?

In der Ölbergrede geht es erstaunlicherweise um dieselbe Sache.

Nur wird das Herz dort unter dem Gesichtspunkt der Zeit geprüft.

Die Frage lautet nun:

Bleibst du treu, wenn der Herr nicht sofort kommt?

Das Reich Gottes verbindet beide Reden

In Matthäus 6 sagt Jesus:

„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit.“
(Matthäus 6,33)

Das Reich Gottes ist dort etwas, das bereits das Leben prägt.

In Matthäus 24–25 erscheint dieselbe Hoffnung als Zukunft:

Der Menschensohn wird kommen.

Der König wird erscheinen.

Das Reich wird vollendet werden.

Die Bergpredigt lebt also von der Gegenwart des Reiches.

Die Ölbergrede von seiner Vollendung.

Psalm 51, Jesaja 58 und Matthäus 25

Hier wird es besonders interessant.

Wir haben gesehen:

  • Adam zeigt das Problem des Herzens.
  • Psalm 51 zeigt die Buße des Herzens.
  • Jesaja 58 kritisiert äußerliche Frömmigkeit ohne Herz.
  • Die Bergpredigt fordert ein verändertes Herz.

Und jetzt kommt Matthäus 25.

Dort finden wir drei große Gleichnisse:

Die zehn Jungfrauen

Die entscheidende Frage lautet:

War echte Bereitschaft vorhanden?

Nicht:

  • Wer hatte die schönste Lampe?
  • Wer kannte die Theorie?

Sondern:

Wer war wirklich vorbereitet?

Das ist eigentlich dieselbe Frage wie in Matthäus 7:

„Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr.“

Äußere Zugehörigkeit genügt nicht.

Die anvertrauten Talente

Auch hier:

Der Herr fragt nicht:

Hast du über mich geredet?

Sondern:

Was hast du mit dem Empfangenen getan?

Nachfolge wird sichtbar.

Die Schafe und Böcke

Hier wird die Verbindung zu Jesaja 58 besonders deutlich.

Der König sagt:

Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.

Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen.

Das erinnert stark an Jesaja 58:

Brich dem Hungrigen dein Brot.

Nimm die Elenden ins Haus auf.

Viele Ausleger sehen hier tatsächlich eine direkte Linie.

Die große Klammer des Matthäusevangeliums

Je länger man Matthäus liest, desto mehr erkennt man:

Das Evangelium beginnt mit der Frage:

Wer ist dieser König?

Dann folgt:

Wie leben Menschen in seinem Reich?
(Bergpredigt)

Dann:

Wie reagieren Menschen auf ihn?

Dann:

Wie wartet man auf seine Wiederkunft?
(Ölbergrede)

Und schließlich:

Was wird bei seiner Ankunft sichtbar werden?

Interessanterweise lautet die Antwort nie:

Wer hatte die perfekte Theologie?

Sondern immer:

Wem gehörte das Herz?

Der rote Faden von Eden bis zum Ölberg

Wenn man die Linie ganz groß zieht, ergibt sich fast ein einziger Gedanke:

In Eden fragt die Schlange:

Vertraust du Gott?

In Psalm 51 bittet David:

Gib mir ein neues Herz.

In Jesaja 58 sagt Gott:

Ich will nicht eure Rituale, sondern euer Herz.

In der Bergpredigt beschreibt Jesus das Herz eines Menschen, der unter Gottes Herrschaft lebt.

Und in der Ölbergrede fragt er:

Wird dieses Herz treu bleiben, bis ich komme?

Deshalb stehen Bergpredigt und Ölbergrede nicht gegeneinander.

Die Ölbergrede ist gewissermaßen die eschatologische Fortsetzung der Bergpredigt.

Die Bergpredigt beschreibt die Gesinnung des Jüngers.

Die Ölbergrede prüft, ob diese Gesinnung Bestand hat, wenn die Zeit vergeht, Schwierigkeiten kommen und die Wiederkunft des Herrn scheinbar auf sich warten lässt.

Darum könnte man die beiden Reden zusammenfassen:

Die Bergpredigt beantwortet die Frage: Wie lebt ein Nachfolger Jesu? Die Ölbergrede beantwortet die Frage: Wie bleibt ein Nachfolger Jesu bis zum Ende treu?

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