Gibt es Gebetsmuster in der Bibel? Vom Vaterunser bis zur Anbetung

Wer die Bibel aufmerksam liest, stellt schnell fest: Es gibt nicht nur eine einzige Form des Gebets. Das Vaterunser nimmt zwar eine einzigartige Stellung ein, aber es ist nicht das einzige Gebet in der Schrift. Die Bibel enthält eine erstaunliche Vielfalt von Gebeten, die unterschiedliche Situationen, Anliegen und geistliche Schwerpunkte widerspiegeln.

1. Das Vaterunser – Die Grundschule des Gebets

Als die Jünger Jesus fragen:

„Herr, lehre uns beten.“
(Lukas 11,1)

antwortet er nicht mit einer Theorie über das Gebet, sondern mit einem konkreten Gebetsmuster.

„Unser Vater, der du bist in den Himmeln,
geheiligt werde dein Name;
dein Reich komme;
dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute;
und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben;
und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen.“
(Matthäus 6,9–13)

Auffällig ist die Reihenfolge:

Zuerst:

  • Gottes Name,
  • Gottes Reich,
  • Gottes Wille.

Erst danach:

  • Versorgung,
  • Vergebung,
  • Bewahrung.

Das Gebet beginnt also nicht mit den Problemen des Menschen, sondern mit Gott.

Deshalb besitzt das Vaterunser tatsächlich eine besondere Leitfunktion. Es zeigt die Grundausrichtung christlichen Betens.

2. Nehemia – Das Gebet in der Krise

Ganz anders klingt das Gebet Nehemias.

Als er von der Not Jerusalems hört, betet er:

„Ach, HERR, Gott des Himmels, du großer und furchtbarer Gott, der den Bund und die Güte denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote halten! Lass doch dein Ohr aufmerksam und deine Augen offen sein, dass du auf das Gebet deines Knechtes hörst.“
(Nehemia 1,5–6)

Dann folgt ein ausführliches Schuldbekenntnis:

„Ich bekenne die Sünden der Kinder Israel, die wir gegen dich begangen haben; auch ich und meines Vaters Haus haben gesündigt.“
(Nehemia 1,6)

Und anschließend erinnert Nehemia Gott an seine Verheißungen:

„Gedenke doch des Wortes, das du deinem Knecht Mose geboten hast.“
(Nehemia 1,8)

Erst am Ende kommt die konkrete Bitte:

„Lass es doch deinem Knecht heute gelingen.“
(Nehemia 1,11)

Bemerkenswert ist:
Nehemia beginnt wie das Vaterunser mit Gott, nicht mit sich selbst.

Sein Gebet zeigt:

  • Anbetung,
  • Buße,
  • Vertrauen auf Gottes Verheißungen,
  • und konkrete Bitte.

3. Die Psalmen – Das Gebet des ganzen Lebens

Die größte Gebetssammlung der Bibel sind die Psalmen.

Dort findet man nahezu jede denkbare Form des Gebets.

Lobpreis

„Lobe den HERRN, meine Seele,
und alles, was in mir ist, seinen heiligen Namen!

Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht alle seine Wohltaten.“
(Psalm 103,1–2)

Dank

„Ich will den HERRN preisen von ganzem Herzen,
erzählen will ich alle deine Wunder.“
(Psalm 9,2)

Klage

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Fern von meiner Rettung sind die Worte meines Gestöhns.“
(Psalm 22,2)

Buße

„Sei mir gnädig, o Gott, nach deiner Güte;
nach der Größe deiner Erbarmungen tilge meine Übertretungen.“
(Psalm 51,3)

Bitte um Hilfe

„Aus den Tiefen rufe ich zu dir, HERR.
Herr, höre auf meine Stimme.“
(Psalm 130,1–2)

Die Psalmen zeigen:
Vor Gott darf das ganze Leben gebracht werden.

4. Die Gebete Jesu

Jesus selbst betet oft anders als im Vaterunser.

Besonders eindrucksvoll ist Johannes 17.

Dort betet Jesus:

„Vater, die Stunde ist gekommen;
verherrliche deinen Sohn, damit dein Sohn dich verherrliche.“
(Johannes 17,1)

Später bittet er für seine Jünger:

„Heilige sie durch die Wahrheit:
dein Wort ist Wahrheit.“
(Johannes 17,17)

Und schließlich:

„Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin.“
(Johannes 17,24)

Dieses Gebet wirkt fast wie ein Blick in die innige Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn.

Es ist:

  • Anbetung,
  • Fürbitte,
  • Hingabe,
  • und Liebe zugleich.

5. Die Gebete des Paulus – Geistliches Wachstum im Mittelpunkt

Besonders bemerkenswert sind die Gebete des Paulus.

Er bittet erstaunlich selten um äußeren Erfolg oder Wohlstand.

Viel häufiger betet er um geistliche Reife.

Zum Beispiel:

„Deshalb höre auch ich nicht auf,
für euch zu danken,
und ich gedenke euer in meinen Gebeten,

damit der Gott unseres Herrn Jesus Christus,
der Vater der Herrlichkeit,
euch gebe den Geist der Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis seiner selbst,

damit ihr wisst,
welches die Hoffnung seiner Berufung,
welches der Reichtum der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen
und welches die überschwängliche Größe seiner Kraft an uns, den Glaubenden, ist.“
(Epheser 1,16–19)

Oder:

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

dass er euch nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit gebe,
mit Kraft gestärkt zu werden durch seinen Geist an dem inneren Menschen;

dass der Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne;

damit ihr völlig zu erfassen vermögt,
was die Breite und Länge und Höhe und Tiefe sei,

und zu erkennen die die Erkenntnis übersteigende Liebe des Christus.“
(Epheser 3,14–19)

Auch im Kolosserbrief betet Paulus:

„Dass ihr erfüllt sein mögt mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichem Verständnis,

um des Herrn würdig zu wandeln zu allem Wohlgefallen.“
(Kolosser 1,9–10)

Diese Gebete zeigen:
Paulus denkt vor allem an geistliches Wachstum und Christusähnlichkeit.

6. Die Gebete der Offenbarung – Reine Anbetung

In der Offenbarung findet sich eine weitere Form des Gebets.

Dort wird oft gar nichts mehr erbeten.

Stattdessen steht reine Anbetung im Mittelpunkt.

Die himmlischen Wesen rufen:

„Heilig, heilig, heilig,
Herr, Gott, Allmächtiger,
der war und der ist und der kommt.“
(Offenbarung 4,8)

Und später:

„Würdig bist du,
das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen;

denn du bist geschlachtet worden
und hast für Gott erkauft durch dein Blut Menschen aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation.“
(Offenbarung 5,9)

Hier gibt es keine Bitte um Brot,
keine Bitte um Hilfe,
keine Klage.

Es geht allein um Gottes Größe und um das Werk Christi.

Ein gemeinsamer roter Faden

Trotz aller Unterschiede verbindet diese Gebete etwas Gemeinsames.

Sie beginnen nicht beim Menschen, sondern bei Gott.

Das gilt:

  • für das Vaterunser,
  • für Nehemia,
  • für die Psalmen,
  • für Jesus selbst,
  • für Paulus,
  • und sogar für die Anbetung der Offenbarung.

Deshalb könnte man sagen:

Das Vaterunser zeigt die Grundrichtung des Gebets. Die Psalmen zeigen seine ganze Bandbreite. Nehemia zeigt das Gebet in der Krise. Paulus zeigt das Gebet für geistliches Wachstum. Und die Offenbarung zeigt das Gebet als reine Anbetung.

Gemeinsam lehren sie, dass Gebet in der Bibel nicht in erster Linie eine Technik ist, um etwas von Gott zu bekommen. Es ist die Antwort des Menschen auf den lebendigen Gott – in Anbetung, Vertrauen, Dank, Klage, Bitte und Hingabe.

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