Psalm 37 gehört zu den wichtigsten Hintergrundtexten der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Besonders deutlich wird das bei der Seligpreisung:
„Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“
Diese Aussage greift Psalm 37 nahezu direkt auf. Dort heißt es:
„Aber die Sanftmütigen werden das Land besitzen.“
(Psalm 37,11)
Das ist kein Zufall. Jesus knüpft bewusst an die Gedankenwelt dieses Psalms an und führt sie weiter.
Psalm 37 beschäftigt sich mit einer Erfahrung, die Menschen des Glaubens zu allen Zeiten machen: Die Gottlosen scheinen oft erfolgreich zu sein. Der Psalm beschreibt Menschen, die:
- mächtig,
- wohlhabend,
- gewalttätig,
- und scheinbar sicher
sind.
Gerade deshalb wiederholt der Psalm immer wieder die Aufforderung:
„Entrüste dich nicht über die Übeltäter.“
Das ist einer der Schlüsselgedanken des Psalms. Der Gerechte soll sich nicht von Neid, Bitterkeit oder Vergeltungsdenken bestimmen lassen. Stattdessen soll er:
- vertrauen,
- warten,
- still sein vor Gott,
- und seinen Weg Gott anbefehlen.
Genau diese Linie greift Jesus in der Bergpredigt wieder auf:
- Sanftmut statt Aggression,
- Feindesliebe statt Vergeltung,
- Vertrauen statt Sorge,
- Geduld statt Zorn.
Besonders interessant ist dabei das Bild des „grünen Baumes“. Psalm 37 sagt:
„Ich habe den Gottlosen gesehen, gewalttätig, und sich ausbreitend wie ein grünender einheimischer Baum; und man ging vorüber, und siehe, er war nicht mehr da.“
(Psalm 37,35–36)
Das Bild beschreibt den Eindruck äußerer Stabilität und Macht. Der Gottlose erscheint wie ein großer, tief verwurzelter, lebendiger Baum:
- stark,
- erfolgreich,
- dauerhaft.
Doch plötzlich heißt es:
„Er war nicht mehr da.“
Damit macht der Psalm deutlich:
Die Macht der Gottlosen ist letztlich nur vorläufig. Sie wirkt stabil, ist aber vergänglich.
Deshalb wiederholt Psalm 37 ständig:
- „Noch eine kleine Zeit“,
- „die Gottlosen werden ausgerottet“,
- „die Gerechten werden das Land besitzen“.
Der Psalm lebt also vollständig aus der Hoffnung auf Gottes endgültige Gerechtigkeit.
Und genau hier liegt die tiefe Verbindung zur Bergpredigt. Auch Jesus beschreibt eine große Umkehrung:
- Die Sanftmütigen werden erben.
- Die Verfolgten gehören zum Reich Gottes.
- Die Trauernden werden getröstet.
Die gegenwärtige Wirklichkeit ist nicht die endgültige Wirklichkeit.
Nun stellt sich die Frage, ob Psalm 37 vor allem auf Christus hinweist oder eher allgemein von Gläubigen spricht.
Zunächst geht es im Psalm eindeutig um die Gerechten allgemein. Psalm 37 ist ein Weisheitspsalm. Er beschreibt den Weg des Gottesfürchtigen im Gegensatz zum Gottlosen.
Aber gleichzeitig erkennt das Neue Testament viele Psalmen auch in Christus erfüllt. Und tatsächlich passt Psalm 37 erstaunlich tief zu Jesus selbst.
Denn Jesus verkörpert genau den Gerechten, den dieser Psalm beschreibt:
- den Sanftmütigen,
- den Geduldigen,
- den Nicht-Rachsüchtigen,
- den vollkommen Gottvertrauenden.
Gerade in der Bergpredigt wird sichtbar, dass Jesus Psalm 37 nicht nur lehrt, sondern selbst lebt. Er verzichtet auf Vergeltung, vertraut dem Vater und wartet auf Gottes endgültige Rechtfertigung.
Deshalb sehen viele Ausleger Psalm 37 nicht als direkten Messiaspsalm wie Psalm 2 oder Psalm 22, wohl aber als einen Psalm, dessen vollkommen gerechter Mensch letztlich in Christus sichtbar wird.
Und zugleich bleibt der Psalm auf die Gläubigen anwendbar. Denn genau dazu ruft die Bergpredigt auf:
Menschen sollen lernen,
- Gott zu vertrauen,
- nicht aus Hass oder Vergeltung zu leben,
- nicht neidisch auf die scheinbare Macht der Gottlosen zu werden,
- sondern auf Gottes endgültige Gerechtigkeit zu hoffen.
Darum passt Psalm 37 so tief zur Bergpredigt. Beide Texte sagen letztlich:
Die Welt scheint oft den Starken, Aggressiven und Gottlosen zu gehören. Doch Gottes Zukunft gehört den Gerechten. Deshalb sollen die Nachfolger Gottes:
- sanftmütig bleiben,
- nicht selbst Vergeltung suchen,
- Gott vertrauen,
- und geduldig auf seine endgültige Gerechtigkeit warten.