Zu den merkwürdigsten und zugleich tiefsten Szenen des Alten Testaments gehört die Geschichte der ehernen Schlange in der Wüste. Sie findet sich in 4. Mose 21 und wirkt auf den ersten Blick beinahe befremdlich. Israel befindet sich auf dem Weg durch die Wüste, beginnt erneut gegen Gott und gegen Mose zu murren und stellt Gottes Führung infrage. Und dann geschieht Folgendes:
„Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, und es starb viel Volk aus Israel. Da kam das Volk zu Mose und sie sprachen: Wir haben gesündigt, denn wir haben gegen den HERRN und gegen dich geredet. Bete zum HERRN, dass er die Schlangen von uns wegnehme! Und Mose betete für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine feurige Schlange und setze sie an ein Feldzeichen; und es wird geschehen, jeder, der gebissen ist und sie ansieht, der wird am Leben bleiben. Und Mose machte eine eherne Schlange und setzte sie an das Feldzeichen; und es geschah, wenn eine Schlange jemand gebissen hatte und er schaute auf zu der ehernen Schlange, so blieb er am Leben.“
Schon diese Szene ist voller Spannung. Ausgerechnet das Bild dessen, was den Tod bringt, wird zum Zeichen der Rettung. Wer auf die erhöhte Schlange blickt, bleibt am Leben.
Noch erstaunlicher wird diese Geschichte dadurch, dass Christus selbst sie später direkt auf sein eigenes Kreuz bezieht. Im Johannesevangelium 3 sagt Jesus:
„Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden.“
Gerade diese Verbindung wirkt zunächst irritierend. Die Schlange steht in der Bibel doch normalerweise für Versuchung, Sünde und satanische Macht. Wie kann Christus dieses Bild auf sich selbst anwenden?
Die eigentliche Tiefe liegt darin, dass Christus am Kreuz nicht selbst sündig oder böse wird, sondern stellvertretend das Gericht über die Sünde trägt. Das Neue Testament formuliert diesen Gedanken mehrfach mit großer Schärfe.
Paulus schreibt im 2. Korintherbrief:
„Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht.“
Und im Galaterbrief heißt es:
„Christus hat uns losgekauft vom Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist.“
Damit ist nicht gemeint, dass Christus moralisch verdorben geworden wäre oder Anteil am Wesen des Bösen gehabt hätte. Vielmehr nimmt er am Kreuz den Platz des Gerichts ein. Der sündlose Sohn Gottes trägt die Folgen der Sünde stellvertretend für andere.
Genau darin liegt die Verbindung zur ehernen Schlange. Die Schlange stellt das Gericht dar, das über das Volk gekommen ist. Und gerade dieses Bild wird erhöht, damit diejenigen leben, die im Glauben darauf blicken.
Die eherne Schlange hatte selbst kein Gift. Sie war nicht die tödliche Macht selbst, sondern nur ihr Bild. Auch darin liegt eine bemerkenswerte Parallele zu Christus: Er erscheint am Kreuz unter dem Zeichen des Gerichts, ohne selbst Sünder zu sein.
Das Kreuz selbst folgt derselben paradoxen Logik. Das Werkzeug der Schande wird zum Ort der Rettung. Der Tod wird durch den Tod überwunden. Der Verurteilte erweist sich als der Gerechte. Gerade darin zeigt sich die Tiefe göttlichen Handelns. Gott besiegt das Böse nicht bloß äußerlich mit Macht, sondern indem er das Gericht selbst auf sich nimmt.
Besonders im Johannesevangelium erhält dies noch eine weitere Ebene. Dort spricht Jesus davon, „erhöht“ zu werden. Dieses Wort meint zugleich:
- die sichtbare Erhöhung am Kreuz,
- und die Erhöhung zur Herrlichkeit Gottes.
Schande und Herrlichkeit fallen zusammen. Das Kreuz ist nicht nur Ort des Leidens, sondern zugleich Ort der Offenbarung Gottes.
Die Geschichte der ehernen Schlange zeigt außerdem etwas Grundsätzliches über Glauben. Die Rettung geschieht nicht durch menschliche Leistung oder medizinische Mittel, sondern durch Vertrauen auf Gottes bereitgestellten Weg. Der Blick auf eine bronzene Schlange erscheint zunächst irrational und anstößig. Ebenso erscheint das Kreuz vielen Menschen als Torheit oder Ärgernis. Und doch liegt gerade dort Gottes Rettung verborgen.
Interessant ist auch, dass die eherne Schlange später zerstört werden musste. In den Königsbüchern wird berichtet, dass Israel begonnen hatte, sie wie ein Götzenbild zu verehren. Damit wird deutlich: Nicht das Symbol rettet, sondern Gottes Handeln durch dieses Symbol hindurch.
Die Verbindung zwischen der ehernen Schlange und Christus bedeutet deshalb keineswegs, dass Christus mit Satan oder dem Bösen gleichgesetzt würde. Das Gegenteil ist der Fall. Christus bleibt der vollkommen Reine und Gehorsame. Aber er nimmt freiwillig den Platz des Gerichts ein, damit diejenigen, die im Glauben auf ihn blicken, leben.
Gerade deshalb gehört diese Szene zu den tiefsten Vorausbildern des Kreuzes im Alten Testament. Schon in der Wüste Israels zeigt Gott das Muster seines späteren Handelns: Rettung kommt nicht durch menschliche Stärke, sondern durch den Glauben an den von Gott erhöhten Retter.