Im Johannesevangelium begegnet uns eine auffällige Struktur, die viele Leser seit langem fasziniert: die wiederkehrende Bedeutung der Zahl sieben. Besonders bekannt sind die sogenannten sieben bildhaften „Ich-bin“-Worte Jesu, doch daneben lassen sich auch weitere, weniger beachtete „Ich-bin“-Aussagen finden, die zusammen ein zweites Siebenermuster ergeben könnten. Diese Beobachtung ist nicht unumstritten, aber sie eröffnet einen spannenden Zugang zur Theologie des Johannesevangeliums.
Zunächst zu den bekannten sieben bildhaften „Ich-bin“-Worten. Jesus sagt im Johannesevangelium:
„Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35)
„Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12)
„Ich bin die Tür“ (Joh 10,7)
„Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11)
„Ich bin die Auferstehung und das Leben“ (Joh 11,25)
„Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6)
„Ich bin der wahre Weinstock“ (Joh 15,1)
Diese sieben Aussagen sind weithin anerkannt und werden in der Forschung oft als bewusste theologische Komposition verstanden. Sie beschreiben Jesus in Bildern, die existenziell sind: Nahrung, Orientierung, Zugang, Führung, Leben, Wahrheit und Verbindung.
Daneben gibt es jedoch eine zweite Gruppe von „Ich bin“-Aussagen, die nicht bildhaft formuliert sind, sondern absolut stehen. Dazu gehören die Stellen Johannes 4,26; 6,20; 8,24; 8,28; 8,58; 13,19 sowie 18,5–6. In diesen Versen sagt Jesus schlicht „Ich bin“ oder verwendet die Formel in einer Weise, die nicht durch ein Bild ergänzt wird.
Diese Aussagen wirken oft besonders zugespitzt. In Johannes 8,58 etwa sagt Jesus: „Ehe Abraham wurde, bin ich.“ Hier wird die zeitliche Dimension gesprengt, und die Aussage erinnert bewusst an die Gottesoffenbarung im Alten Testament („Ich bin, der ich bin“ in Exodus 3,14). Auch in Johannes 18,5–6, als Jesus bei seiner Verhaftung „Ich bin es“ sagt und die Soldaten zurückweichen, wird diese Formel mit besonderer Wirkung erzählt.
Es gibt Ausleger, die diese sieben absoluten „Ich bin“-Worte als eine zweite, parallele Siebenerreihe verstehen. Diese Zählung ist nicht so allgemein anerkannt wie die bildhaften Aussagen, aber sie ist gut begründbar, da die genannten Stellen tatsächlich eine eigene theologische Linie bilden: Sie offenbaren nicht, was Jesus für die Menschen ist, sondern wer er in seinem Wesen ist.
Auffällig ist, dass sich die Zahl sieben im Johannesevangelium auch an anderer Stelle wiederfindet. So berichten viele Auslegungen von sieben Zeichen Jesu, also sieben Wundertaten, die gezielt ausgewählt und erzählt werden. Auch hier ist die Siebenzahl weithin anerkannt und wird als Ausdruck von Vollständigkeit verstanden.
Die Häufung dieser Siebenerstrukturen legt nahe, dass der Autor des Johannesevangeliums bewusst mit dieser Zahl arbeitet. In der biblischen Symbolik steht die sieben häufig für Fülle und Vollendung. Man kann sie auch als Verbindung von drei und vier deuten: drei als Zahl des Göttlichen und vier als Zahl der Welt (etwa in den vier Himmelsrichtungen oder den vier Elementen). In dieser Perspektive wäre die sieben ein Ausdruck dafür, dass sich das Göttliche und die Welt in einer vollständigen Weise begegnen.
Überträgt man diesen Gedanken auf die „Ich-bin“-Worte, ergibt sich ein interessantes Bild. Die sieben bildhaften Aussagen zeigen, wie Jesus in die Lebenswirklichkeit der Menschen hineinwirkt. Die sieben absoluten Aussagen hingegen verweisen auf seine göttliche Identität. Zusammen könnten sie eine doppelte Sieben bilden: einmal die Offenbarung für die Welt und einmal die Offenbarung des göttlichen Seins.
Man kann diese Struktur auch anders zählen oder gewichten, und nicht jede Auslegung wird diese doppelte Sieben übernehmen. Dennoch spricht einiges dafür, dass das Johannesevangelium bewusst mit solchen Zahlensymboliken arbeitet. Die wiederkehrende Sieben ist jedenfalls kaum zufällig.
So eröffnet sich eine Lesart, in der das Johannesevangelium nicht nur eine Sammlung von Worten und Taten Jesu ist, sondern eine kunstvoll komponierte theologische Darstellung. Die „Ich-bin“-Worte stehen dabei im Zentrum: Sie verbinden Bild und Wesen, Erfahrung und Offenbarung, Welt und Gott.