Meine Schafe hören meine Stimme“ –
Warum Johannes 10 kein Freifahrtschein ist, sondern ein Ruf zur bleibenden Nachfolge**
Einleitung: Ein starker Vers – oft falsch gelesen
Einer der bekanntesten Verse zur Heilsgewissheit lautet:
„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“
(Johannes 10,27–28)
Viele Christen zitieren diesen Vers als Beleg dafür, dass niemand – auch sie selbst nicht – das Heil verlieren kann, sobald sie einmal zu Christus gefunden haben.
Aber meint Jesus das wirklich?
Eine genauere Betrachtung des Kontextes, des griechischen Textes und der Zeitformen der verwendeten Verben zeigt: Jesus spricht hier nicht über ein punktuelles Ereignis, sondern über eine dauerhafte, gegenwärtige Beziehung.
1. Was sagt Jesus – und an wen richtet er sich?
Jesus spricht von „meinen Schafen“ – also von denen, die wirklich zu ihm gehören. Aber was kennzeichnet diese Schafe?
„Sie hören meine Stimme […] und sie folgen mir.“
Diese Beschreibung ist nicht pauschal auf jeden anzuwenden, der sich einmal bekehrt hat. Jesus sagt nicht:
„Sie haben einmal meine Stimme gehört.“
Sondern:
„Sie hören (fortwährend) und folgen (fortwährend).“
Und er sagt noch mehr:
„Ich kenne sie.“
Jesus kennt seine Schafe.
Das heißt: Er erkennt ihr Herz, ihr Leben, ihre Treue. Er weiß, wer wirklich bei ihm bleibt – wer seine Stimme nicht nur akustisch, sondern im Herzen hört.
„Und sie kennen mich.“
Wer Jesus kennt, kennt auch seinen Willen – und tut ihn. Die Schafe Jesu leben nicht unabhängig, sondern in bewusster, willentlicher Nachfolge.
Sie hören, sie gehorchen, sie folgen – und darum sind sie sicher.
2. Was sagen die griechischen Verbformen?
Hier liegt der Schlüssel zum Verständnis:
„τὰ πρόβατά μου τῆς φωνῆς μου ἀκούουσιν, κἀγὼ γινώσκω αὐτά, καὶ ἀκολουθοῦσίν μοι.“
(Johannes 10,27)
Die entscheidenden Verben:
ἀκούουσιν (akouousin) – „sie hören“ – Zeitform: Präsens, Aktiv, Indikativ – Bedeutung: fortwährendes, regelmäßiges Hören ἀκολουθοῦσίν (akolouthousin) – „sie folgen“ – Zeitform: Präsens, Aktiv, Indikativ – Bedeutung: beständiges, andauerndes Folgen γινώσκω (ginōskō) – „ich kenne“ – Zeitform: Präsens – Bedeutung: fortwährendes, persönliches Erkennen und Verbundensein
Fazit:
Jesus beschreibt hier keine punktuelle Erfahrung (wie es ein Aorist ausdrücken würde), sondern eine fortlaufende, gegenwärtige Realität.
Seine Schafe:
leben im Hören bleiben im Folgen kennen ihn – und werden von ihm gekannt
3. Warum ist das wichtig?
Viele vertreten die Sicht: Niemand kann uns aus Jesu Hand reißen – also ist der Gläubige absolut sicher, unabhängig davon, ob er weiterhin glaubt oder lebt, wie er will.
Aber Jesus sagt nicht:
„Wer einmal gehört hat, ist für immer sicher.“
Sondern:
„Diejenigen, die jetzt und beständig hören und folgen, gehören mir – und die wird niemand entreißen.“
Das griechische Präsens macht deutlich:
Nur wer bleibt, ist gemeint.
4. Kein äußerer Feind kann entreißen – aber der Mensch selbst kann sich entfernen
Die Aussage „Niemand wird sie aus meiner Hand reißen“ (V. 28) ist eine große Verheißung.
Aber sie meint: Keine äußere Macht – kein Mensch, kein Dämon, kein Verfolger – kann einem wahren Gläubigen das Heil entreißen.
Was nicht gesagt wird:
Dass der Gläubige selbst keine Verantwortung mehr trägt.
„Bleibt in mir, und ich in euch.“
(Johannes 15,4)
„Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er hinausgeworfen.“
(Johannes 15,6)
Wer nicht mehr hört und nicht mehr folgt, hat sich selbst aus dieser Beziehung gelöst. Nicht weil jemand ihn geraubt hat – sondern weil er nicht mehr in der Hand Jesu bleibt.
5. Bestätigung aus dem Hebräerbrief und anderen Stellen
„Denn wir sind Teilhaber des Christus geworden, wenn wir die anfängliche Zuversicht bis zum Ende standhaft festhalten.“
(Hebräer 3,14)
Das ist dieselbe Linie wie in Johannes 10:
Bleiben, Festhalten, Dranbleiben – das ist das Kennzeichen echter Jüngerschaft.
Wer sich aber bewusst und dauerhaft vom Hören und Folgen abwendet, für den gilt:
„Es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet wurden […] und dann abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern.“
(Hebräer 6,4–6)
6. Hören und Tun – das Prinzip echter Jüngerschaft
Jesus sagt in Lukas 11,28:
„Glückselig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und bewahren!“
Oder wie in Matthäus 7,24:
„Wer meine Worte hört und sie tut, gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute.“
Das ist exakt dasselbe Prinzip wie in Johannes 10:
Hören + Tun = Sicherheit Hören ohne Tun = Selbsttäuschung
Die törichten Menschen in Matthäus 7 hörten auch – aber sie taten nicht. Ihr Fall war „groß“, weil sie nur dachten, sie stünden sicher.
Wer also dauerhaft keine Lust mehr hat, Jesus zu folgen, sein Wort nicht mehr tun will – der lebt nicht mehr als Schaf unter dem Hirten.
Und darum gilt die Verheißung aus Johannes 10 dann nicht mehr für ihn.
7. Fazit: Johannes 10 ist kein Freibrief – sondern ein Ruf zur lebendigen Treue
Jesus macht eine wunderbare Zusage:
„Niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“
Aber er sagt auch:
„Meine Schafe hören meine Stimme […] und sie folgen mir.“
Die Sicherheit gilt nicht punktuell, sondern beziehungsbasiert.
Wer hört und tut, ist sicher. Wer dauerhaft nicht mehr folgt, steht außerhalb.
Die griechische Grammatik bestätigt:
Das ist kein punktuelles Bekehrungserlebnis, sondern eine fortdauernde Lebenshaltung.
Schlussgedanke
Diese Verheißung ist kein Anlass zur Trägheit – sondern ein Ruf zur Treue.
Jesus kennt seine Schafe.
Und seine Schafe kennen ihn.
Sie wissen, was er will – und sie tun es.
Sie folgen ihm, nicht einmal, sondern immer wieder.
Und deshalb sind sie sicher in seiner Hand.
„Wer bis ans Ende ausharrt, der wird gerettet werden.“
(Matthäus 24,13)