Können wir entscheiden, ob wir Schafe sein wollen?

Das Bild vom Menschen als Schaf und von Gott als Hirten gehört zu den stärksten Bildern der Bibel. Es wirkt tröstlich und zugleich herausfordernd. Tröstlich, weil es von Schutz und Nähe spricht. Herausfordernd, weil es die Frage nach Freiheit stellt.

Jesus sagt im Johannesevangelium etwas Erstaunliches:

Er spricht davon, dass seine Schafe seine Stimme hören, dass er sie kennt und dass sie ihm folgen. Und dann fügt er hinzu, dass niemand sie aus seiner Hand reißen kann. Niemand ist stärker als der Hirte, niemand kann diese Beziehung von außen zerstören. Das Schaf ist sicher, gehalten, geborgen.

Doch genau hier liegt eine feine, oft übersehene Spannung.

Jesus sagt nicht: Alle Menschen sind meine Schafe.

Er sagt: Meine Schafe hören meine Stimme.

Schafsein ist kein Zwangszustand. Es ist Beziehung. Und Beziehung lebt von Antwort.

Die Bibel kennt keinen Gott, der Menschen festhält gegen ihren Willen. Sie kennt aber einen Gott, der treu ist, der nicht loslässt, der schützt und bewahrt – solange Beziehung gewollt ist. Niemand kann das Schaf aus seiner Hand nehmen. Aber das Schaf selbst kann sich entscheiden, nicht mehr zu bleiben.

Diese Freiheit gehört zum Wesen der Liebe. Eine Beziehung, aus der man nicht gehen könnte, wäre keine Beziehung, sondern Gefangenschaft. Gott bewahrt, aber er besitzt nicht. Er hält, aber er fesselt nicht.

Das Hirtenbild sagt deshalb zweierlei zugleich:

Wer bei Gott ist, ist sicher.

Und wer nicht bei ihm sein will, darf gehen.

Vielleicht liegt gerade darin die Tiefe dieses Bildes:

Gott zwingt niemanden, Schaf zu sein.

Aber wer es sein will, ist unantastbar geborgen.

Die Hand, aus der niemand uns reißen kann, ist dieselbe Hand, die offen bleibt.

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