Die sieben Sendschreiben und ihre Bedeutung

Warum der Bezug zur persönlichen Glaubensentwicklung oder gar zur Schöpfung kritisch zu bewerten ist

Die sieben Sendschreiben in Offenbarung 2–3 gehören zu den meistdiskutierten Abschnitten des Neuen Testaments. Sie richten sich an konkrete Gemeinden in der römischen Provinz Asia: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Diese Gemeinden existierten historisch im späten ersten Jahrhundert und standen jeweils vor unterschiedlichen geistlichen und sozialen Herausforderungen.

Im Verlauf der Kirchengeschichte haben Ausleger versucht, den sieben Schreiben über ihre unmittelbare historische Bedeutung hinaus eine symbolische Ordnung zu geben. Häufig wurde dabei die Zahl Sieben als Hinweis auf göttliche Vollständigkeit verstanden. Daraus entwickelten sich verschiedene Deutungsmodelle – etwa eine Abfolge kirchengeschichtlicher Epochen oder eine Parallele zu den sieben Schöpfungstagen in 1. Mose 1.

Für eine Verbindung zwischen den Sendschreiben und der Schöpfung gibt es jedoch keine textlichen Anhaltspunkte. Weder verweist die Offenbarung sprachlich noch thematisch auf den Schöpfungsbericht, noch lassen sich die Inhalte der einzelnen Schreiben mit den Schöpfungstagen inhaltlich verknüpfen. Die Übereinstimmung beruht allein auf der Zahl Sieben, nicht auf inhaltlicher Entsprechung. Daher bleibt diese Deutung spekulativ und exegetisch nicht begründbar.

Auch die verbreitete Vorstellung, die sieben Sendschreiben spiegelten die persönliche Entwicklung des Glaubens wider, ist mit Vorsicht zu betrachten. Zwar lassen sich gewisse Parallelen zwischen den geistlichen Zuständen der Gemeinden (etwa Eifer, Leid, Kompromiss, Lauheit) und individuellen Glaubenserfahrungen ziehen. Doch der Text selbst legt eine solche Deutung nicht nahe. Die Schreiben richten sich an reale Gemeinden mit konkreten Situationen, nicht an abstrakte Phasen des Glaubenslebens. Eine Übertragung auf den individuellen Weg kann allenfalls als Anwendung im weiteren Sinn dienen, sollte aber nicht als eigentliche Bedeutung verstanden werden.

Hinzu kommt, dass die Vorstellung eines typischen Glaubenswegs, der sich in der Abfolge der sieben Gemeinden widerspiegelt, inhaltlich schwer zu begründen ist. Die Sendschreiben enden mit Laodizea – einer Gemeinde, die für Lauheit und Selbstzufriedenheit steht. Wenn man die Briefe als Abbild einer geistlichen Entwicklung verstehen wollte, müsste diese Folge im siebten Abschnitt einen Höhepunkt oder eine Reifung des Glaubens markieren. Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Laodizea wird von Christus als geistlich arm und bedürftig bezeichnet. Daraus wird deutlich, dass der Text keine aufsteigende oder abgeschlossene Entwicklungsreihe des Glaubens darstellt. Vielmehr beschreibt er verschiedene, nebeneinander bestehende Zustände von Gemeinden und Gläubigen, nicht eine fortlaufende Stufenfolge.

Die Zahl Sieben steht in diesem Zusammenhang daher eher für Vollständigkeit: Jesus richtet sich durch die sieben Briefe an die Kirche in ihrer Gesamtheit und an die unterschiedlichen Erscheinungsformen des Glaubens, nicht an eine Abfolge individueller Stadien.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Die Sendschreiben sind historische Briefe mit bleibender theologischer und ethischer Bedeutung. Eine Verbindung zur Schöpfungsgeschichte ist nicht begründbar, und auch eine Deutung als Darstellung des persönlichen Glaubensweges bleibt interpretativ unsicher. Der Text gewinnt seine Aussagekraft vor allem dort, wo er als das gelesen wird, was er ist: Jesu konkrete Ansprache an sieben Gemeinden seiner Zeit, die exemplarisch zeigen, wie Glaube, Verantwortung und Umkehr in verschiedenen Kontexten Gestalt annehmen können.

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