Die Frage nach dem freien Willen des Menschen und Gottes Erwählung gehört zu den ältesten und am meisten diskutierten Themen der Theologie. Immer wieder stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber: die Lehre, dass Gott Menschen von Ewigkeit her zur Rettung erwählt hat, und die Überzeugung, dass Gott allen Menschen die Freiheit schenkt, sich selbst für oder gegen ihn zu entscheiden.
Gott will den freien Willen
Schon die Schrift zeigt deutlich, dass Gott nicht Marionetten, sondern echte Beziehungspartner möchte. In 1. Timotheus 2,4 lesen wir: „… welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Dieser Vers macht klar: Gottes Wunsch nach Rettung ist universal. Er will, dass Menschen freiwillig zu ihm kommen – aus Liebe und nicht aus Zwang.
Gerade deshalb greift Gott nicht in den freien Willen ein, wenn es um den Glauben geht. Er wirbt, ruft und lädt ein. Aber er zwingt niemanden. Der Glaube wird nicht aufgezwungen, sondern bleibt immer eine persönliche Antwort. Jesus selbst sagt mehrfach: „Dein Glaube hat dich geheilt.“ Der Mensch muss also den Schritt tun, auf Gottes Ruf zu reagieren.
Die Herausforderung der Prädestination
Die calvinistische Lehre der Prädestination behauptet, Gott habe schon vor aller Zeit bestimmt, wer gerettet wird und wer verloren geht. Damit aber würde der freie Wille des Menschen unterlaufen. Wenn alles vorbestimmt wäre, dann bliebe dem Menschen keine echte Entscheidungsmöglichkeit mehr.
Doch die Bibel stellt uns die Verantwortung klar vor Augen: Wir sollen glauben, um gerettet zu werden. Das setzt voraus, dass wir glauben können und dürfen – aus freiem Herzen und eigener Entscheidung.
Glaube als Voraussetzung der Rettung
Die Schrift zeigt an vielen Stellen, dass der Glaube die Bedingung für Rettung ist. Gott stellt ihn nicht als Leistung dar, sondern als Antwort. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, das Evangelium anzunehmen. Gott zwingt niemanden, aber er macht ernst mit seiner Einladung.
Ausnahme: Das Nasiräergelübde
Eine besondere Rolle spielen die Nasiräer, wie wir sie etwa bei Simson finden (Richter 13–16). Bei ihnen war die Weihe von Gott her bestimmt: kein Wein, keine Berührung mit Toten, keine Schere am Kopf. Diese Lebensform war nicht frei gewählt, sondern von Gott auferlegt. Doch gerade hier zeigt sich die Besonderheit: Simson selbst hatte trotz dieses besonderen Auftrags einen freien Willen – und scheiterte mehrfach daran. Auch ein Nasiräer konnte Gott untreu werden.
Das macht deutlich: Selbst in Fällen, in denen Gott einen besonderen Weg für einen Menschen vorsieht, bleibt der freie Wille erhalten.
Fazit
Gott will keine erzwungene Liebe. Er will Menschen, die aus freiem Willen zu ihm kommen. 1. Timotheus 2,4 lässt sich nicht auf eine kleine Gruppe Erwählter einschränken, sondern spricht von Gottes universellem Heilswillen. Der Glaube ist die entscheidende Antwort, die jeder selbst geben muss.
Prädestination mag eine systematische Logik haben – aber sie widerspricht dem Zeugnis der Schrift über Gottes Liebe, Freiheit und Einladung an alle Menschen.