Matthäus 24,40–41 und die Entrückung – Was der griechische Urtext wirklich sagt, und warum es nicht um das Ende der Drangsal geht

In Matthäus 24,40–41 sagt Jesus:

„Dann werden zwei auf dem Feld sein; einer wird aufgenommen und einer zurückgelassen. Zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen; eine wird aufgenommen und eine zurückgelassen.“

Diese Worte gehören zu den eindrucksvollsten und zugleich umstrittensten Aussagen über das Kommen des Menschensohns. Doch ein genauer Blick in den griechischen Urtext klärt vieles – vor allem, ob es sich hier um ein Gericht handelt (Ende der Drangsal) oder um die Entrückung der Gläubigen.

Die griechischen Verben im Fokus

Im griechischen Text stehen zwei Verben im Zentrum:

„παραλαμβάνεται“ (paralambanetai) und „ἀφίεται“ (aphietai).

„Παραλαμβάνεται“ bedeutet „mitnehmen“, „an sich nehmen“, „aufnehmen“. Es handelt sich um eine Präsensform im Passiv. Dieses Wort begegnet uns zum Beispiel in Matthäus 17,1, wo Jesus Petrus, Jakobus und Johannes mitnimmt auf den Berg der Verklärung. Auch in Johannes 14,3 spricht Jesus davon, dass er wiederkommen werde, um die Seinen zu sich zu nehmen, damit sie bei ihm seien. In all diesen Stellen ist die Bedeutung durchweg positiv: Es geht um Nähe, Schutz, Gemeinschaft – genau das, was die Entrückung beschreibt.

Das zweite Verb, „ἀφίεται“, bedeutet „zurücklassen“, „verlassen“ oder auch „freigeben“. Auch das ist ein Passiv im Präsens. In Matthäus 4,20 lassen die Jünger ihre Netze zurück, um Jesus nachzufolgen. In Matthäus 23,38 spricht Jesus davon, dass das Haus (der Tempel) „euch überlassen“ wird – ein Ausdruck des Gerichts. In vielen Kontexten zeigt dieses Verb eine negative Trennung: Etwas oder jemand bleibt zurück, ist aufgegeben oder wird losgelassen.

Der Kontrast zwischen diesen beiden Verben ist also eindeutig: Der eine wird positiv aufgenommen, der andere negativ zurückgelassen. Das passt hervorragend zum Bild der Entrückung, bei der Jesus die Seinen holt, während andere auf der Erde zurückbleiben.

So auch der Vergleich zum Lukas-Evangelium: dort in 17,33 heißt es:

„Wer irgend sein Leben zu retten sucht, wird es verlieren; und wer irgend es verliert, wird es erhalten.“
‭‭Lukas‬ ‭17‬:‭33‬ ‬‬
Sprich: Wer mitgenommen wird, und das Leben zu verlieren scheint, behält es.

Was ist mit dem Vers über das „Aas“ und die „Geier“?

Ein Vers, der oft als Gegenargument genannt wird, steht kurz vorher in Matthäus 24,28:

„Wo das Aas ist, da sammeln sich die Geier.“

Manche meinen, das deute auf ein Strafgericht hin – also dass der „Weggenommene“ der Vernichtung übergeben wird. Doch das ist ein Missverständnis. Dieser Vers war zur Zeit Jesu ein bekanntes Sprichwort, das einfach bedeutet: Was geschieht, wird klar und unübersehbar sein – so wie sich Geier unweigerlich dort versammeln, wo ein toter Körper liegt. Es geht nicht um das Wesen des Ereignisses (Gericht oder Entrückung), sondern um dessen Offensichtlichkeit. Genau so wird die Wiederkunft Christi sichtbar für alle sein.

Entrückung oder Wiederkunft nach der Drangsal?

Ein entscheidender Punkt ist die Unterscheidung zwischen der Entrückung der Gemeinde und der sichtbaren Wiederkunft Jesu nach der Drangsal.

Die Wiederkunft nach der Drangsal ist berechenbar. Die Bibel nennt klare Zeitangaben: 1260 Tage, 42 Monate, dreieinhalb Jahre (Daniel 9; Offenbarung 11–13). Die Offenbarung schildert deutliche Zeichen: die Offenbarung des Antichristen, die Entweihung des Tempels, große kosmische Katastrophen. Wer während der Drangsal lebt, wird wissen: Das Ende steht unmittelbar bevor.

Die Entrückung hingegen ist völlig überraschend. Jesus selbst sagt in Matthäus 24,42:

„So wacht nun! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.“

In Vers 44 ergänzt er:

„Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr es nicht meint.“

Diese Mahnung zur ständigen Wachsamkeit ergibt nur dann Sinn, wenn das Ereignis nicht vorhersehbar ist – und das trifft ausschließlich auf die Entrückung zu. In der Drangsal, wo Zeichen und Zeitspannen deutlich sind, braucht es keine solche ständige Unsicherheit.

Darum spricht Jesus hier von einem plötzlichen Ereignis, das viele überraschen wird – so wie in den Tagen Noahs, wo die Menschen aßen, tranken, heirateten, bis die Flut kam und sie hinwegraffte. Jesus nimmt dieses Beispiel bewusst, um zu zeigen: Die Menschen lebten völlig normal, ohne Erwartung – genau wie heute.

Warum Wachsamkeit jetzt entscheidend ist

Wenn Jesus also in Matthäus 24 betont, dass niemand den Tag und die Stunde kennt, dass wir wachen und bereit sein sollen, dann richtet sich diese Botschaft nicht an die Menschen der Drangsal, sondern an uns heute – an die Gemeinde.

Denn jetzt ist die Zeit der Gnade, die Zeit der Einladung, die Zeit, vorbereitet zu sein.

In der Drangsal werden viele erkennen, dass sich die Prophezeiungen erfüllen. Doch dann wird die Entrückung bereits geschehen sein. Der Ruf zur Wachsamkeit gilt heute – jetzt ist die Zeit, bereit zu sein für das Kommen unseres Herrn.

Fazit

Die sprachliche Analyse von Matthäus 24,40–41 legt nahe: Jesus spricht von der Entrückung. Das griechische Verb „παραλαμβάνεται“ steht durchgängig für ein positives Mitnehmen – zu Christus hin. Das Gegenstück „ἀφίεται“ meint ein Zurücklassen, ein Verlorengehen. Die Sprichwörter und Gleichnisse in diesem Kapitel untermauern die zentrale Botschaft:

Wacht – denn ihr wisst nicht, wann euer Herr kommt.

Die Wiederkunft nach der Drangsal wird für die Welt sichtbar sein. Die Entrückung hingegen bleibt ein göttliches Geheimnis – und kann jederzeit geschehen.

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