Ist die Gemeinde in Offenbarung 4 schon entrückt?

Die Offenbarung des Johannes ist eines der spannendsten und zugleich umstrittensten Bücher der Bibel. Besonders die Frage, ob die Gemeinde Jesu bereits im Himmel ist, bevor die großen Gerichte beginnen, beschäftigt viele Christen. Der Blick auf Offenbarung Kapitel 4 ist dabei zentral.

Was geschieht in Offenbarung 4?

Johannes schreibt:

„Danach sah ich, und siehe, eine Tür war geöffnet im Himmel, und die erste Stimme, die ich wie die einer Posaune mit mir hatte reden hören, sprach: Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss. Und sogleich war ich im Geist …“ (Offb 4,1–2)

Ab Kapitel 6 beginnen die Siegelgerichte, gefolgt von den Posaunen- und Schalengerichten. Auffällig: Nach Kapitel 3 wird die Gemeinde nicht mehr erwähnt – erst in Kapitel 19 wieder, bei der Hochzeit des Lammes.

Sicht 1: Die Gemeinde ist schon entrückt

Viele Christen, die an eine Entrückung vor der großen Drangsal glauben (Prätribulationisten), sehen in Offenbarung 4 klare Hinweise darauf, dass die Gemeinde zu diesem Zeitpunkt bereits bei Christus im Himmel ist.

Sie deuten den Ruf „Komm hier herauf“ (4,1) als ein Bild für die Entrückung. Dass die Gemeinde nach den sieben Sendschreiben nicht mehr erwähnt wird, interpretieren sie als Zeichen, dass sie nun im Himmel ist. Auch die 24 Ältesten mit weißen Kleidern und Kronen (Kapitel 4–5) sehen viele als Symbol der verherrlichten Gemeinde.

Besonders wichtig ist für sie die Verheißung an Philadelphia: „Ich werde dich bewahren vor der Stunde der Versuchung“ (Offb 3,10). Für Prätribulationisten bedeutet das: Die Gemeinde wird nicht durch, sondern vor der Stunde der Prüfung bewahrt – eben durch Entrückung.

Aus dieser Sicht beginnen die Gerichte erst, nachdem die Gemeinde bereits in Sicherheit ist.

Sicht 2: Die Gemeinde bleibt auf der Erde

Andere Christen deuten Offenbarung 4 ganz anders. Für sie ist Johannes’ Himmelserfahrung eine persönliche Vision, nicht ein Bild für die Entrückung der gesamten Gemeinde. Der Ruf „Komm hier herauf“ gilt nur ihm.

Auch wenn das Wort „Gemeinde“ ab Kapitel 4 nicht mehr vorkommt, tauchen doch die „Heiligen“ auf, die vom Tier verfolgt werden (z. B. Offb 13,7). Diese verstehen sie als Gläubige aus der Gemeinde. Die Verheißung aus Offenbarung 3,10 bedeutet für sie nicht Entrückung, sondern Bewahrung inmitten der Prüfung – ähnlich wie Israel in Ägypten bei den Plagen verschont wurde.

Die Hochzeit des Lammes in Kapitel 19 bedeutet aus dieser Sicht nicht, dass die Gemeinde vorher im Himmel war, sondern dass sie nach der Drangsal endgültig mit Christus vereint wird.

Fazit

Ob Offenbarung 4 die Entrückung der Gemeinde beschreibt, hängt stark vom Auslegungssystem ab.

Wer den dispensationalistischen Ansatz vertritt, sieht hier deutliche Hinweise: Die Gemeinde ist bereits im Himmel, bevor die Gerichte beginnen. Wer eher amillennialistisch oder posttribulationistisch liest, versteht Johannes’ Entrückung als persönliche Vision und sieht die Gemeinde weiterhin auf der Erde.

Einig sind sich aber alle Ausleger darin, dass Jesu Worte an seine Gemeinde Wachsamkeit und Treue betonen. Denn unabhängig vom Zeitpunkt der Entrückung gilt:

„So ermahnt auch ihr euch gegenseitig mit diesen Worten.“ (1. Thessalonicher 4,18)

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