Die Berufung der Zwölf: Das neue Israel in Jesu Händen

Wenn wir die Evangelien lesen, fällt etwas Besonderes auf: Jesus beginnt sein Wirken nicht mit Macht, nicht mit Gesetzen und nicht mit einer religiösen Elite – sondern mit Menschen. Ganz gewöhnlichen Menschen. Und ausgerechnet zwölf davon wählt er aus, um mit ihnen das Fundament für etwas völlig Neues zu legen. Was steckt hinter dieser Berufung? Und könnten diese Zwölf das Israel darstellen, wie Jesus es sich gewünscht hat?

Der Weg zur Berufung der Zwölf

Der Weg beginnt, bevor Jesus einen einzigen Jünger ruft. Johannes der Täufer bereitet das Volk auf den Messias vor – mit klarer Umkehrpredigt. Jesus wird von ihm getauft, zieht sich in die Wüste zurück, durchlebt dort Versuchung und Prüfung. Erst danach beginnt er öffentlich zu predigen: „Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1,15).

Schon bald folgen ihm die ersten Jünger – Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes. Später ruft er einen Zöllner (Matthäus), Philippus, Nathanael und andere. Und schließlich, nach einer Nacht im Gebet, wählt Jesus bewusst zwölf Männer aus (Lukas 6,12–16). Sie sollen nicht nur Schüler sein, sondern Apostel – Gesandte. Sie sind nicht nur Mitläufer, sondern sollen später selbst predigen, heilen, Hoffnung bringen.

Zwölf – kein Zufall

Warum genau zwölf? Die Zahl ist kein Zufall. Sie steht für die zwölf Stämme Israels – also das ursprüngliche Gottesvolk. Mit der Wahl von zwölf Jüngern signalisiert Jesus: Hier beginnt etwas Neues, aber es steht in direkter Linie zur Geschichte Israels. Es ist, als würde Jesus sagen: „Ich rufe das Volk Gottes neu zusammen – nicht auf der Grundlage von Abstammung, sondern auf der Grundlage von Nachfolge, Glaube und Umkehr.“

Ein Israel, wie Jesus es sich gewünscht hat?

Das ist eine tiefgehende Frage. Auf symbolischer Ebene: Ja. Die Zwölf stehen für das neue, geistliche Israel – eine Gemeinschaft, die von Jesus selbst gerufen, geformt und gesandt wird. Sie verkörpern eine andere Art von Volk Gottes: eins, das sich nicht über Herkunft definiert, sondern über Beziehung.

Aber auf menschlicher Ebene? Noch nicht ganz. Die Evangelien sind ehrlich: Die Jünger verstehen Jesus oft nicht. Sie streiten, wer der Größte ist. Sie schlafen ein, als er am meisten leidet. Petrus verleugnet ihn, und die meisten fliehen beim Kreuz.

Und doch: Jesus bleibt. Er wirft sie nicht weg, sondern bleibt an ihrer Seite – er formt sie weiter. Und als er aufersteht, kommt er zu ihnen. Er haucht ihnen den Heiligen Geist ein. Und an Pfingsten schließlich, werden aus verängstigten Jüngern mutige Apostel.

Das neue Gottesvolk wächst

Die Zwölf sind nicht perfekt – aber bereit. Nicht vollkommen – aber offen. Und genau so fängt Gott Neues an. Nicht mit fertigen Helden, sondern mit Lernenden. Die Jünger sind das Saatkorn für ein neues Israel – eins, das auf Vertrauen, Hingabe und Liebe gegründet ist.

Fazit:

Jesus hat sich nicht ein besseres Israel gewünscht – sondern ein tieferes. Eins, das sich nicht über Grenzen, Gesetze oder Blutlinien definiert, sondern über das Herz. Die Zwölf Jünger stehen am Anfang dieses Weges. Und wer heute folgt, tritt mit in diesen Ruf: Teil eines Volkes zu sein, das auf den Ruf Jesu hört und ihm nachgeht – Schritt für Schritt, in aller Unvollkommenheit, aber mit offenem Herzen.

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