Ein geistlicher Blick auf Matthäus 6,1–18
Einleitung: Frömmigkeit oder Selbstinszenierung?
In der heutigen Welt ist Sichtbarkeit alles. Was nicht gesehen wird, scheint nicht zu existieren. Auch im Glaubensleben kann diese Versuchung auftreten: Man betet öffentlich mit großem Eifer, postet Bibelverse online, erzählt von Fastenzeiten oder Spendenaktionen – aber tut man es aus Liebe zu Gott, oder weil man gesehen werden will?
Jesus weiß um diese tief verborgene Gefahr. In Matthäus 6 warnt er sehr konkret davor, geistliche Werke zur Schau zu stellen. Er ruft uns zurück zu einer Frömmigkeit, die nicht Bühne, sondern Begegnung ist – nicht laut, sondern still.
1. Der Grundsatz: Die Gerechtigkeit vor Menschen bringt keinen Lohn bei Gott
„Habt acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist.“
(Matthäus 6,1 – Elberfelder)
Hier wird das Prinzip deutlich: Es geht nicht nur um das, was man tut – sondern warum man es tut.
Wenn das Ziel menschliche Anerkennung ist, dann ist das der einzige Lohn, den man bekommt. Und dieser Lohn ist flüchtig, vergänglich – und im Himmel wertlos.
Jesus betont das dreimal mit eindringlichem Ernst:
„Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon empfangen.“
(Verse 2, 5 und 16 – Elberfelder)
Das bedeutet: Das geistliche Konto für diese Tat ist auf Null.
Keine Frucht, keine Belohnung, kein himmlischer Nachhall – nur ein vergänglicher Eindruck vor Menschen.
2. Drei stille Übungen echter Frömmigkeit
Jesus nennt dann drei zentrale geistliche Handlungen – damals wie heute Ausdruck echter Hingabe: Almosen geben, Beten, Fasten. Und er ruft uns auf, sie im Verborgenen zu tun – zur Ehre Gottes.
a) Almosen geben – gelebte Barmherzigkeit im Verborgenen
„Wenn du nun Almosen gibst, so lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut.“
(Matthäus 6,3)
Geben soll aus Liebe kommen, nicht aus Imagepflege. Gott sieht nicht auf den Betrag, sondern auf das Herz – auf das Mitgefühl, das Vertrauen, das Opfer. Wahres Geben ist lautlos, diskret, verborgen – und segensreich.
„Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“
(Vers 4)
b) Beten – Intimität mit dem Vater, nicht spirituelle Show
„Wenn du aber betest, so geh in deine Kammer […] bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“
(Vers 6)
Jesus wünscht sich keine spektakulären Gebete – sondern eine innige, stille Begegnung. Gebet ist keine Performance, sondern eine Herzensbeziehung. Die Kammer ist der Ort, wo wir ehrlich, roh und offen vor Gott stehen – und nicht für andere spielen.
c) Fasten – stille Buße, nicht öffentliche Askese
„Wenn ihr fastet, so seid nicht wie die Heuchler mit düsterem Gesicht.“
(Vers 16)
Fasten ist Demut, Umkehr, geistliche Reinigung. Es wird entwertet, wenn es zum „geistlichen Statussymbol“ wird. Echte Buße ist leise, versteckt – ein innerer Zerbruch, der nicht auf Applaus hofft, sondern auf Gnade.
„Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“
(Vers 18)
3. Was Gott wirklich sieht – und was wirklich zählt
In allen drei Fällen wiederholt Jesus dieselbe Verheißung:
„Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.“
Gott sieht – das ist Trost und Warnung zugleich. Er sieht, wenn wir unsichtbar treu sind. Aber er sieht auch, wenn wir sichtbar fromm tun und innerlich leer sind.
Frömmigkeit ist also nicht das, was Menschen sehen – sondern das, was Gott sieht.
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“
(1. Samuel 16,7)
4. Warnung: Geistliche Taten zur Schau führen zum Verlust der himmlischen Frucht
Wenn wir beten, geben oder fasten, um andere zu beeindrucken – geht die ganze Frucht verloren.
Nicht nur ein Teil. Nicht nur der Segen. Das ganze „Guthaben“ dieser Handlung wird gelöscht. Denn Gott lässt sich nicht instrumentalisieren. Wer seine geistlichen Werke vor Menschen ausbreitet, hat den Lohn bereits „erhalten“ – und nicht mehr von Gott zu erwarten.
Das ist nicht Strenge, sondern Gerechtigkeit. Es geht Gott um das Herz, nicht um die Wirkung.
5. Selbstprüfung: Lebt der Heilige Geist in mir?
Doch wie können wir wissen, ob unser geistliches Leben echt ist? Die Bibel fordert uns zur Prüfung auf:
„Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben seid; untersucht euch selbst!“
(2. Korinther 13,5)
Hier sind einige biblisch begründete Fragen, die als Leitlinien für geistliche Selbsterkenntnis dienen können:
Habe ich Hunger nach dem Wort Gottes? „Seid begierig nach der unverfälschten Milch des Wortes.“ (1. Petrus 2,2) Liebe ich meine Glaubensgeschwister praktisch – mit Taten, nicht nur mit Worten? „Wir wissen, dass wir aus dem Tod ins Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben.“ (1. Johannes 3,14) Bewege ich mich in Demut und Gehorsam – auch gegenüber staatlicher Ordnung, wo sie nicht gegen Gottes Wort steht? „Jedermann sei den Obrigkeiten untertan.“ (Römer 13,1) Leide ich innerlich an der Verlorenheit derer, die Christus nicht kennen? „Der Wunsch meines Herzens ist, dass sie gerettet werden.“ (Römer 10,1) Berührt mich das Leiden verfolgter Christen? „Gedenkt der Gefangenen, als wärt ihr mitgefangen.“ (Hebräer 13,3)
Diese Fragen dienen nicht der Verurteilung, sondern der geistlichen Wachsamkeit. Denn:
„Den Geist löscht nicht aus.“
(1. Thessalonicher 5,19)
Wer dem Heiligen Geist Raum gibt, der wird empfinden, hören, lernen, verändert werden. Wer ihn aber immer wieder übergeht, verliert zunehmend das geistliche Empfinden – auch wenn die äußere Frömmigkeit weiterläuft.
Fazit: Tiefe statt Bühne – Echte Frömmigkeit lebt im Verborgenen
Matthäus 6 ist ein kraftvoller Ruf zu geistlicher Echtheit und Stille.
Nicht die Show vor Menschen zählt, sondern die stille Treue vor Gott.
Nicht die öffentlichen Gesten, sondern das Herz in der Kammer.
Wenn wir still geben, heimlich beten, verborgen fasten – dann schaut uns unser Vater im Himmel zu. Er sieht, belohnt, und verändert uns von innen nach außen.
„Eure Frömmigkeit sei wie eine Wurzel unter der Erde – tief, stark, unsichtbar – aber voller Leben.“